Emile Durkheim - Lektüren
Inst. für Soziologie der TU Dresden, Proseminar
WS 2003-2004 Ort: HSZ 101, Mittwoch - 6. DS
Kommentar im Vorlesungsverzeichnis:
Émile Durkheim ist einer der Gründer des Faches Soziologie; dies ist aber nicht der einzige (und wäre für sich genommen auch kein überzeugender) Grund, weshalb es auch heute noch lohnenswert ist, sich mit seinem Theorieentwurf zu beschäftigen. Einerseits ist Durkheim bestrebt, die Besonderheit des soziologischen Zugriffs von anderen, etwa dem der Psychologie abzugrenzen; sucht man nach dem Selbstverständnis der Soziologie, so findet man bei Durkheim eine erste selbstbewusste Formulierung der Soziologie als Wissenschaft. Andererseits sind die Probleme, mit denen sich Durkheim beschäftigt und an denen er die Besonderheit des soziologischen Zugriffs deutlich macht, keineswegs überwunden oder "gelöst"; hier ist insbesondere das von ihm geprägte Konzept der Anomie zu nennen, das in der Soziologie weiterhin prominent ist. So wird bei Durkheim eine Perspektive auf moderne Gesellschaften entworfen, die - wenn auch in Teilen kritisierbar oder zu modifizieren - nach wie vor erhellend sein kann.
Im Proseminar werden ausgewählte Kapitel aus Émile Durkheims Hauptwerken "Über soziale Arbeitsteilung", "Die Regeln der soziologischen Methode", "Der Selbstmord" und "Die elementaren Formen des religiösen Lebens" gelesen. Ziel ist es, Durkheims klassischen soziologischen Theorieentwurf durch vorbereitende Lektüre (zu Hause!) und Diskussion im Seminar zu erschließen, damit einen Überblick über zentrale soziologische Gegenstände und Problematiken zu gewinnen und Strategien der Lektüre, des Verständnisses und der argumentativen Diskussion wissenschaftlicher Texte zu entwickeln. Die Kritik an Durkheims Theorie soll dabei nicht zu kurz kommen - sie setzt allerdings das Verständnis der kritisierten Argumente und eine Begründung der Kritik voraus, wenn das Seminar nicht auf einen unfruchtbaren, da unverbindlichen Meinungsaustausch beschränkt werden soll.
Die Bereitschaft zur vorbereitenden Lektüre ist Voraussetzung zur Teilnahme. Für den Scheinerwerb sind ein Referat und eine schriftliche Hausarbeit (10-15 S.) Voraussetzung.
Ergänzung zu Semesterbeginn:
Anders als angekündigt liegt der Schwerpunkt des Seminars auf Durkheims "Über soziale Arbeitsteilung", als Heranführung an Durkheims Soziologie werden einführend einige Kapitel aus den "Regeln der soziologischen Methode" gelesen. Ausschlaggebend ist hierbei die Überlegung, dass der Überblick über die Argumentationsstruktur eines Werkes für die Zwecke eines Proseminars sinnvoller ist als ein - aufgrund des Zeitbudgets nur fragmentarisch möglicher - Überblick über das Gesamtwerk.
Diese Vorgehensweise bringt es mit sich, dass ein Reader (also eine Auswahl verstreut erschienener Texte) entfallen kann, dies jedenfalls bezogen auf "Über soziale Arbeitsteilung". Die Seminarteilnehmer sollten diesen Buch kaufen. Die Kapitel aus den "Regeln der soziologischen Methode" werden im Copyshop in der Mommsenstraße zur Verfügung stehen.
Zum Ablauf der Sitzungen:
Alle Teilnehmer haben den Text der Situzung gelesen. Das Referat (ein oder zwei Referenten) ruft den Argumentationsgang des Textes in Erinnerung, stellt Bezüge zu vorhergehenden Sitzungen her und arbeitet Problemstellen heraus. In der Diskussion werden solche Problemstellen sowie weitergehende Einordnungen und möglicherweise Kritikmomente diskutiert. Die Produktivität dieses Lektürekurses ist nur dann gewährleistet, wenn die Teilnehmer vorbereitet sind.
Seminarplan
1. Sitzung: 22.10.2003
Einführung
I Die Regeln der soziologischen Methode
2. Sitzung: 29.10.2003
Einleitung, S. 103-104, Kap. 1: Was ist ein soziologischer Tatbestand?, S. 104-114
3. Sitzung: 5.11.2003
Kap. 2: Regeln zur Betrachtung der soziologischen Tatbestände, S. 115-164
4. Sitzung: 12.11.2003
Kap. 3: Regeln für die Unterscheidung des Normalen und des Pathologischen, S. 141-164
19.11.2003 Feiertag
II Über soziale Arbeitsteilung
a Die Funktion der Arbeitsteilung (1. Buch)
5. Sitzung: 3.12.2003
Das Problem, S. 83-91; Kap. 1: Methode zur Bestimmung dieser Funktion, S. 95-117
6. Sitzung: 10.12.2003
Kap. 2: Mechanische Solidarität oder Solidarität aus Ähnlichkeit, S. 118-161
7. Sitzung: 17.12.2003
Kap. 3: Die Solidarität, die sich der Arbeitsteilung verdankt, oder die organische Solidarität, S. 162-184, Auszüge aus Kap. 4-7: S. 222-228, S. 249-255, S. 283-286
b Die Ursachen und die Bedingungen (2. Buch)
8. Sitzung: 7.1.2004
Kap. 2: Die Ursachen, S. 314-343
9. Sitzung: 14.1.2004
Kap. 5: Die Folgen aus dem Vorhergegangenem, S. 394-416
c Die anomalen Folgen (3. Buch)
10. Sitzung: 21.1.2004
Kap. 1: Die anomische Arbeitsteilung, S. 421-442
11. Sitzung: 28.1.2004
Schlußfolgerung, S. 466-480
12. Sitzung: 4.2.2004
Fazit und Ausblick
Literatur
Durkheim, Emile: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften (frz. 1893), Frankfurt a.M. 1992 (verbesserte Übersetzung der Ausgabe von 1977).
Durkheim, Emile: Die Regeln der soziologischen Methode (frz. 1895), Frankfurt a.M. 1984.
Müller, Hans-Peter: Emile Durkheim, in: Dirk Kaesler (Hg.): Klassiker der Soziologie, Bd. 1: Von Auguste Comte bis Norbert Elias, München 2000, S. 150-170.
Halbwachs, Maurice: Die Lehre Emile Durkheims, in: ders.: Theorie und Methode. Ausgewählte Schriften Bd. 5, herausgegeben v. Stephan Egger, Konstanz 2001, S. 11-83.
Luhmann, Niklas: Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie, in: Durkheim: Arbeitsteilung (s.o.), S. 19-38.
König, René: Emile Durkheim: Der Soziologe als Moralist, in: Dirk Kaesler (Hg.): Klassiker des soziologischen Denkens, Bd. 1: Von Comte bis Durkheim, München 1976, S. 312-364.