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protestantischer deutscher Soziologe, Nationalökonom, Kultur-, Sozialhistoriker und Jurist,
* 21.4. 1864 in Erfurt, + 14.6.1920 in München.
W., erstes von acht Kindern des nationalliberalen Juristen und nachmaligen Berliner Baustadtrats (1868), preußischen Landtags- (ab 1868) und Reichstagsabgeordneten (1872-1884) Dr. Max
Weber (31.5. 1836 - 10.8. 1897) und dessen Gattin Helene geb. Fallenstein (15.4. 1844 - 14.10. 1919) und auf den Namen Karl [Carl] Emil Max[imilian] getauft, erkrankt als Zweijähriger halbseitig an Meningitis. W.s Mutter, aus calvinistisch-hugenottischer Tradition stammend und in der Frauenfrage engagiert, versuchte ihm religiöse Gedanken näherzubringen; zu seinem religiös indifferent und patriarchalisch-hedonistisch eingestelltem Vater gestaltet sich das Verhältnis distanziert.
Einerseits früh wißbegierig und bereit, Wissen in seiner ganzen Breite aufzunehmen, wird W. später von sich gegenüber Friedrich Naumann (s.d.) sagen, daß er in Fragen der religiösen Praxis »unmusikalisch« sei. W.s Sozialisation in der Spannung zwischen den gegensätzlichen religiösen Mentalitäten und Lebensentwürfen seiner Eltern mag ursächlich für seine ödipale Krise
im dritten Lebensjahrzehnt sein.
In Berlin, wohin die Familie 1869 übergesiedelt war, besuchte W. zunächst die Döbbelinsche Privatschule, anschließend das Kgl. Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Charlottenburg, von dem W. 1882 mit dem Abitur abgeht. Das breite Disziplinenspektrum, das W. aus nationalökonomischer Perspektive in seinem Lebenswerk als Kulturgeschichte integriert, scheint schon vorgezeichnet durch die Vertreter der intellektuellen Elite, die im elterlichen Salon verkehrten und auch seine akademischen Lehrer wurden: (s.d.) Hermann Baumgarten (W.s Onkel), Theodor Mommsen, Heinrich von Sybel, Heinrich von Treitschke.
In Heidelberg (1882), Straßburg (1883), Berlin (1884) und Göttingen (1885/1886) studiert W. Rechtswissenschaften, belegt daneben aber auch historische und nationalökonomische Lehrveranstaltungen; der Student W. folgt tendenziell der Historischen Schule, wie sie z.B. sein Lehrer Karl Knies (29.3. 1821 - 3.8. 1898) repräsentiert und mit der er sich später kritisch auseinandersetzt (s.u.), ohne sich aber grundsätzlich von ihr loszusagen.
Nach dem in Göttingen bestandenen juristischem Staatsexamen wird W. am 4.6. 1886 als Referendar am Charlottenburger Amtsgericht vereidigt. Magna cum laude wird W. am 28.5. 1889 mit seiner Abhandlung über die mittelalterlichen Handelsgesellschaften und ihr Solidarhaftprinzip zum Dr. iur. promoviert; die Arbeit erregt u.a. die Aufmerksamkeit Theodor Mommsens, der am Ende des Promotionsverfahrens erklärt: »Wenn ich einmal in die Grube fahren muß, so würde ich keinem
lieber sagen: Sohn, da hast du meinen Speer, meinem Arm wird er zu schwer', als dem von mir hochgeschätzten M. W.« (zit. nach Winckelmann, M. W.s Dissertation [s.u.], 11). Seinen Promotionsthesen opponiert u.a. sein Vetter, der Pfarrer und spätere Kieler Praktische Theologe Otto Baumgarten (s.d.).
Den einjährigen Militärdienst absolviert W., dem preußischen Militarismus noch nicht abgeneigt, in Straßburg, auch nimmt W. an mehreren Übungen teil, doch wird sich seine Einstellung im Laufe der Jahre grundlegend wandeln.
Nicht zuletzt der Umgang mit führenden Liberalen im Elternhaus (Heinrich Rickert [d.Ä., 1833-1902], Friedrich Kapp [1824-1884], Johannes [1897: von] Miquel [19.2. 1829 - 8.9. 1901], Rudolf von Bennigsen [10.7. 1824 - 7.8. 1902]) dürfte W. früh für politische Probleme sensibilisiert haben. Nach dem am 18.10. 1890 in Berlin abgelegten Assessorexamen habilitiert sich W. 1892 bei August Meitzen (1822-1910) für römisches und Handelsrecht mit einer Abhandlung über die römische Agrargeschichte, die der Grundstock seines Lexikonbeitrags für das »Handwörterbuch der Staatswissenschaft« von 1897, 1898 und 1909 (»Agrarverhältnisse im Altertum«, s.u.) ist, der mit jeder neuen Auflage eine deutliche Umfangsteigerung, aber auch eine inhaltliche Korrektur erfährt: zu seinen »Jugendsünden« wird M. W. rechnen, daß seine Studie ganz im Geist der Historischen Schule der Nationalökonomie Wirtschaftsstufen annimmt, aus der ökonomische Gesetzmäßigkeiten und Handlungstheorien ableitbar wären. Durch Theodor Mommsen und mehr noch dem universalhistorischen Enwurf von Eduard Meyer (s.d.), mit dem sich W. ausführlich, wenngleich nicht in so deutlicher Gegenposition im Spätwerk, wie dies Friedrich H. Tenbruck (23.9. 1919 - 1994) in »M. W. und Eduard Meyer« (s.u.) postuliert hat, ist W.s Auseinandersetzung mit der antiken Geschichte angeregt; die Brillanz seiner Analyse der Sklaverei in ihrer Bedeutung für die römische Gesellschaft und Agrarwirtschaft ist bestechend. Wirtschaftsgeographisch und -historisch unterscheidet W. zwischen Stromufer-, Küsten- und Binnenlandkultur, identifiziert bürokratische Strukturen als Handels- und Wirtschaftshindernisse.
1896 widerspricht W. der sozialdarwinistisch grundierten These des Althistorikers Otto Seeck, daß das römische Heer infolge ständiger Rekrutierungen degeneriert sei; sie wird W. auf dem Soziologentag von 1910 dahingehend entfaltet, daß die Verdrängung der nobilitas aus den Schlüsselpositionen des antiken Heer- und Verwaltungswesens sich grundlegend veränderten sozioökonomischen Rahmenbedingungen verdankt.
W. wird 1892 Privatdozent in Berlin; bereits im darauffolgenden Jahr erhält er das Extraordinariat für Handels- und deutsches Recht, nachdem sich Pläne W.s zerschlagen hatten, ein Syndikat in Bremen zu erhalten. Von seinem Doktorvater Levin Goldschmidt (30.5. 1829 - 16.7. 1897) angeregt, nach dessen Erkrankung W. neben seiner anwaltlichen Tätigkeit am Berliner Kammergericht zum Wintersemester 1892/1893 die Lehrstuhlvertretung
übernimmt, widmet sich W. zudem den aktuellen Fragen der Börsenreform und der Warentermingeschäfte sowie zusammen mit Paul Göhre (s.d.) im Auftrag des Evangelisch-sozialen Kongresses, dem W. 1888 beigetreten war, dessen engerem Ausschuß W. angehörte und an dessen Verhandlungen er lebhaften Anteil nahm, den Ursachen für die Landarbeiterfluktuation in Ostelbien und den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, deren sozialökonomische Lage W. im Rahmen der groß angelegten Landarbeiter-Enquête untersucht, ohne aber ein explizit an christlichen Normen orientiertes politisches Konzept zu verfolgen. Die tagespolitische Brisanz dieser Fragestellung lag nicht zuletzt in der hohen Landflucht mit Ziel Berlin, wo das Problem der Mietskasernenbewohner virulent geworden war. W. meidet allerdings den Kathedersozialismus; sein Anliegen ist primär die Sicherung der Nationalstaatlichkeit, die mit sozialer und politischer Gerechtigkeit einhergehen muß. »Wir treiben Sozialpolitik nicht, um Menschenglück zu schaffen«, führt W. auf dem Fünften Evangelisch-sozialen Kongreß am 16. Mai 1894 in Frankfurt am Main aus, dem er als Ausschußmitglied angehörte: ihm hatte W. sich angeschlossen, da er in ihm eine wirksame
sozialpolitische Plattform, ein aufklärerisch-reformerisches Unternehmen sowie ein wissenschaftlich innovatives Projekt sah.
W. gelangt zu dem Ergebnis, daß Karl Marx' (s.d.) stratifiziertes Proletarierbild unter den gewandelten Bedingungen der fortschreitenden Industrialisierung stärker zu differenzieren sei. Insgesamt läßt das wissenschaftliche Werk M. W.s eine deutliche Affinität zu den sozioökonomischen Analysen Karl Marx' erkennen, namentlich im Hinblick auf die Bewertung des Bürgertums für die Ausprägung des modernen Wirtschaftslebens. Allerdings unterscheiden sich W. und Marx fundamental in den methodischen Ansätzen und den erkenntnisleitenden Interessen; M. negiert die exponierte Bedeutung des Klassenkampfen und lehnt den Geschichtsmaterialismus
ab.
Die Bemühungen Friedrich Althoffs (s.d.), W. an die Berliner Universität zu binden, scheitern. Am 20.9. 1893 heiratet W. in Oedinghausen seine Großcousine, die Industriellentochter Marianne geb. Schnitger (s.d. s.v. Marianne Weber), deren Ehe allerdings kinderlos bleibt. Zum 1.10. wird W. zum Extraordinarius ernannt, und zum Wintersemester 1894/1895 nimmt W. eine Berufung nach Freiburg auf den Lehrstuhl Eugen Frhr. Philippovichs von Philippsberg (15.3. 1858 - 4.6. 1917) an und wechselt von der juristischen in die nationalökonomische Fachrichtung. Seine Antrittsrede, dreigegliedert in einen analytisch-empirischen, wissenschaftstheoretischen und pragmatisch-politischen Teil, geht vom aktuellen Ansatzpunkt der schwelenden Polenfrage aus und kulminiert in der weitaus stärker rezipierten staatspolitischen These, daß machtvolle Außenpolitik (und sie ist für W. ja seit der Weichenstellung von 1871 zugleich Herausforderung und Schicksal der deutschen Nation) nicht ohne innere Demokratisierung gelingen könne, und läßt trotz ihres nationalen Pathos eine scharfsinnige Kritik der wilhelminischen Plutokratie und ihrer verheerenden, nur auf den äußeren Effekt angelegten politischen Kurzsichtigkeit erkennen.
In der Freiburger Antrittsrede (»Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik«, s.u.) zeichnet sich neben der brillanten analytischen Kraft bereits einer der Arbeitsschwerpunkte W.s ab, wirtschaftliche Faktoren auf ihre Funktion für die Formation politischer Gebilde zu befragen und die Aufmerksamkeit der National- auf die Sozialökonomie zu lenken, aber auch die Betonung des Deskriptiven in der Volkswirtschaftslehre »als erklärende und analysierende Wissenschaft«, die in der Fällung von Werturteilen nicht nur zu äußerster Zurückhaltung aufgefordert ist, sondern auch auf ihren Anspruch zu verzichten habe, »Meinungsführerwissenschaft« sein zu wollen. In diesem Zusammenhang insistiert W. auf der Selbstreflexion des Nationalökonomen, der sich seiner eigenen Wertmaßstäbe bewußt sein müsse; W. betont daneben die Bedeutung des subjektiven Standpunktes des forschenden Wissenschaftlers und weist damit der akademischen Objektivitätsforderung noëtische Grenzen auf.Es dürfte nicht von ungefähr sein, daß W. Antrittsrede in mehr als nur einer Hinsicht an Johann Gottlieb Fichte (s.d.) erinnert.
Dem Einfluß Friedrich Naumanns, mit dem W. eine tiefe Freundschaft verband und den er mit seinem Rat wiederholt kritisch begleitete, ist es zuzuschreiben, daß W. auch die Frage der politischen Kompetenz der Arbeiterschaft in Augenschein nimmt. Am 14.1. 1897 erfolgt W.s Berufung als Nachfolger Karl Knies' auf den Heidelberger Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft. Die ihm nur wenig später angetragene Reichstagskandidatur für den
Wahlkreis Saarbrücken (von W. als das »Königreich Stumm« verhöhnt) schlägt er aus.
W.s Heidelberger akademische Lehrtätigkeit soll aber nur von kurzer Dauer sein. 1898 kündigen sich erste nervöse Beschwerden an, die es W. schließlich unmöglich machen, einer geregelten Dozententätigkeit nachzukommen; selbst das Denken und Reden wird W. zur Qual. 1899 beginnt das, was Marianne Weber als »Höllenfahrt« bezeichnete, sich aber aus historischem Abstand pathogenetisch und anamnetisch nicht definitiv benennen läßt und zu verschiedenen, nicht immer befriedigenden Diagnostizisierungsversuchen geführt hat; den 1907 eigenhändig aufgesetzter Krankenbericht W.s, der als authentisches Dokument hierzu Aufschlüsse geben könnte, hat W.s Witwe nach dem Tod des Gatten vernichtet.
Ende 1899 kommt W., der sich außerstande sieht, das akademische Lehramt weiterhin auszuüben, um seine Entlassung aus der Professur nach, die jedoch nicht bewilligt wird; stattdessen erhält W. unbegrenzten Urlaub bei fortwährender Besoldung. 1900 folgt ein langer Kuraufenthalt in Bad Urach, danach ein längerer Aufenthalt auf Korsika und in Italien, wo sich W., von einigen Reisen unterbrochen, vom März 1901 bis März 1903 niederläßt. Die Jahre bis 1902/1903 sind von W.s geistiger Ohnmacht bestimmt, die nicht ausschließlich die Folge von W.s bisherigem ruinösen Arbeitsstil sind. Ende 1902 kommt W. erneut um seine Amtsentpflichtung nach, die die badische Regierung im Juni 1903 nur ungern bewilligt.
Als W. zum 1. 10. 1903 in den Ruhestand versetzt wird, folgt ihm indirekt 1907 sein aus Prag kommender Bruder Alfred Weber (s.d.) im Ordinariat; W. selbst erhält eine ordentliche Honorarprofessur, zu seiner Verbitterung allerdings weder Sitz noch Stimme in der Fakultät. Das Verhältnis beider Brüder entwickelt sich spannungsvoll; Alfred Weber wird zeitlebens im Schatten M. W.s stehen.
1904 zeichnet sich endlich spürbare gesundheitliche Besserung ab. W. tritt mit Werner Sombart (s.d.) in die Redaktion von Heinrich Brauns »Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Zeitschrift zur Erforschung der gesellschaftlichen Zustände aller Länder« ein, das Edgar Jaffé (14.5. 1866 - 29.4. 1921), selber Schüler W.s und späterer bayerischer Minister, aufgekauft, in »Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik« umbenannt und W. als Publikationsorgan zur Verfügung gestellt hatte; es ist W.s Anliegen an diese Zeitschrift, daß sie »in Erweiterung ihres bisherigen Aufgabenkreises (wissenschaftliche Durchdringung der durch den modernen Kapitalismus geschaffenen Zustände und kritische Verfolgung des Ganges der Gesetzgebung) die historischen und theoretischen Erkenntnis der allgemeinen Kulturbedeutung der kapitalistischen Entwicklung als dasjenige Problem ansehen müsse, in dessen Dienst sie stehe und sich deshalb in engem Kontakt mit den Nachbardisziplinen: der allgemeinen Staatslehre, der Rechtsphilosophie, der Sozialethik, den sozialpsychologischen und den, gewöhnlich unter dem Namen der Soziologie zusammengefaßten, Untersuchungen zu halten'« (Marianne Weber, M. W. Ein Lebensbild, 290). Damit grenzt sich W. deutlich vom Programm der ebenfalls 1904 in Leipzig von Georg Anton Hugo von Below (19.1. 1858 - 20.10. 1927) und Ludo Moritz Hartmann (2.3. 1865 - 14.11. 1924) gegründeten »Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte« ab, die unter bewußter Absehung gegenwärtiger Erscheinungen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte streng historisch darstellen sollte.
W. ist zudem bemüht, das »Archiv« für sozialistische Autoren zu öffnen wie etwa für Robert Michels (9.1. 1876 - 3.5. 1936), dessen verhinderte Habilitation aufgrund seiner politischen Überzeugung W. 1908 zum Anlaß einer kritischen Hinterfragung akademischer Lehrfreiheit nimmt (»Die sogenannte Lehrfreiheit an den deutschen Universitäten«, s.u.); Michels hat dann auch seine Monographie zur Parteiensoziologie (Zur Soziologie des Parteienwesens in der modernen Demokratie, Leipzig 1911) M. W. gewidmet.
W. kann nun auch wieder publizieren: ein Großteil der innerhalb des nächsten Jahrzehnts veröffentlichten Beiträge sind gerade erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Natur; W. gedachte wiederholt sie auch in Buchform vorzulegen, doch geschah dies erst postum unter dem dann auch irreführenden, weil systematische Geschlossenheit insinuierenden Titel »Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre« ([GAWL] 1922, s.u.), die W. allerdings, mißt man seine Erörterungen am epistemologischen Anspruch der neukantianischen Südwestdeutschen Schule, kaum intendiert haben dürfte. In ihnen reflektiert W. positivismuskritisch vielmehr
methodische Probleme der historischen Begriffsbildung, die aus seiner Arbeit und dem Erkenntniszuwachs der (kultur)geschichtlich orientierten Disziplinen erwuchsen. Diese Reflexionen hielt W. für unabdingbar, da die ordnende Funktion des terminologisches Intrumentariums der Fülle zunehmender historischer Detailkenntnisse nicht mehr genügte.
Damit widersetzt sich W. der Trivialisierung einer Leopold von Ranke (s.d.) verpflichteten Historik, derzufolge Geschichte deskriptive Aufgaben erfülle: als Lebenswissenschaft aber hat es die Historie (und W. zielt damit keineswegs auf die politische Geschichte allein) mit Kulturinhalten zu tun, die es begrifflich zu erfassen gelte, und ihr Standort wird von W. als anthropologische Fragestellung bestimmt (»Persönlichkeit und Lebensordnung« ist Leitformulierung von W.s Fragestellung; vgl. hierzu die Beiträge von Wilhelm Hennis s.u.]). Das von Otto Brunner (21.4. 1898 - 12.6. 1982), Werner Conze (31.12. 1910 - 28.4.
1986) und Reinhart Koselleck betreute Sammelwerk »Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland« (1, 1972ff.) sowie das Erkenntnisinteresse der im »Archiv für Begriffsgeschichte« (1, 1955ff.) veröffentlichten Beiträge markieren mehr oder minder direkt den späten und nachhaltigen Einfluß W.s auf die (deutsche) Geschichtswissenschaft.
Nach über zweijährigen Vorarbeiten erscheint 1903 der erste Teil der Abhandlung über Wilhelm Roscher (s.d.) und Karl Knies (»Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie«, s.u.), die die Enttarnung der Begriffsklitterung in der älteren Historischen Nationalökonomischen Schule unternimmt,
sowie »Die protestantische Ethik und der Geist' des Kapitalismus« (s.u.). Diese wie nachfolgende agrar- und industriesoziologische Studien und Untersuchungen zur Psychophysik der Arbeit (abgeschlossen mit dem Erscheinen des letzten Beitrages am 30.9. 1909) analysieren aus wechselnden Perspektiven Genese und Formation kapitalistisch geprägter
Lebensformen; im Kapitalismus identifiziert W. eine revolutionäre Kraft, die alle traditionellen Lebensordnungen sprengen werde und der die Bürokratisierung des öffentlichen wie privaten Lebens einhergehen wird. Hierin korreliert W.s Zeitdiagnostik des zunehmenden Kulturpessimismus und fortschreitenden Wertenihilismus Friedrich Nietzsches (s.d.) Botschaft vom »letzten Menschen« (»Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben«), mit dessen Denken sich W. um 1910 intensiv auseinandersetzt.
W. ist 1904 bei der geplanten Herausgabe der »Religion in Geschichte und Gegenwart« als Ressortleiter für die Sparte »Sozialwissenschaft« im Redaktionskreis vorgesehen; wegen Arbeitsüberlastung bittet W. aber darum, dieser Aufgabe erst im Januar 1905 nachkommen, was Wilhelm Bousset (s.d.) als Mitherausgeber ablehnt, so daß W.s Nominierung nicht weiter verfolgt wird.
Ende August 1904 fahren W. und Ernst Troeltsch (s.d.), mit dem W. spätestens seit 1896 eng befreundet ist, zu dem jedoch 1915 wegen Differenzen in der Frage nach Besuchen französischer Kriegsverwundeter im Heidelberger Lazarett der Kontakt abbricht, als Referenten zum (auch von der materiellen Seite nicht uninteressanten) wissenschaftlichen Weltkongreß nach Amerika, der anläßlich der Weltausstellung in St. Louis stattfindet; W. wird, zum ersten Mal nach sechseinhalb Jahren wieder öffentlich auftretend, über deutsche Agrarverhältnisse in Vergangenheit und Gegenwart sprechen. Einer der Erträge dieses Aufenthaltes in den USA mit seiner Vielzahl an Eindrücken (W. erlebt Streik und Zustände im Chicagoer Schlachthof, die Upton Sinclair [20.9. 1878 - 25.11. 1968] in seinem Roman »The Jungle« [1906] eindrücklich schildern wird, nimmt an Gottesdiensten von Schwarzen teil) ist die Analyse des amerikanischen Sektenwesens und des asketischen Berufsethos (»Die Berufsidee des asketischen Protestantismus«; Kirchen und Sekten in Nordamerika«, s.u.), aber auch die kritische Reflexion kontinentaleuropäisch gängiger rassentheoretischer Ansätze.
Unter dem Eindruck der russischen Revolution vom Oktober 1905, von der sich W. Demokratisierungsimpulse für Deutschland erhoffte, erlernt W. die russische Sprache, um das Geschehen aus authentischen Quellen verfolgen und kommentieren zu können (vgl. etwa das Literaturverzeichnis der von W. rezipierten originalsprachigen Schrifttums in MWG I,10, 739-759); für die halbherzigen Reformansätze im Zarenreich prägte W. dann den griffigen Terminus des »Scheinkonstitutionalismus«.
Nur zögernd nimmt W. 1909 die Berufung zum außerordentlichen Mitglied in die gerade gegründete Heidelberger Akademie der Wissenschaften an, zu der 1919 die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften kommt. Am 3. 3. 1909 ruft W. die Gesellschaft für Soziologie ins Leben, der W. bis Ende 1912 neben Georg von Mayr (12.2. 1841 - 6.10. 1925), Alfred Ploetz (22.8. 1860 - 20.3. 1940), Georg Simmel
(s.d.), Werner Sombart, Ferdinand Tönnies (s.d.) und Alfred Vierkandt (4.6. 1867 - 24.4. 1953) - W. tritt im Zusammenhang mit dem Werturteilsstreit aus ihrem Kreis aus - im Vorstand angehört und die sich im Herbst 1910 in Frankfurt am Main zum Ersten Deutschen Soziologentag (19.-22.10.) konstituiert. W. hat zeitlebens allerdings dem Soziologiebegriff, disziplinhistorisch noch ränderunscharf, reserviert gegenüber gestanden
und sprach lieber von einer »Soziologie der Cultur-Werte« im Sinne jener Untersuchungsgegenstände, deren kulturelle Objektivationen sich in Kunst, Literatur, Musik, Religion und Wissenschaft darböten, ohne daß sich hierzu bislang ein zwingendes methodologisches Konzept beschreiben lasse.
In diesem Jahr 1909 zieht W. nach dem Tode Adolf Hausraths (s.d.) in die Fallensteinsche Villa um; Familie Troeltsch wohnt im Stockwerk über ihm.
Widersprüchliche Reaktionen ruft W.s Beitrag auf dem Dresdner 4. Deutschen Hochschullehrertag im Herbst 1911 hervor, als er sich kritisch mit Friedrich Althoffs Berufungs- und Hochschulpolitik auseinandersetzt.
In dieses Jahr fällt W.s Bekanntschaft mit der Pianistin Mina Tobler (1880-1967, von W. in der Korrespondenz »Judith« nach der gleichnamigen Gestalt in Gottfried Kellers [s.d.] Roman »Der grüne
Heinrich« [1856] genannt), mit der ihn eine langjährige erotische Beziehung verbindet und der der zweite Band der religionssoziologischen Schriften (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie [GARS] II, s.u.) zugeeignet ist; sie dürfte W. auch inspiriert haben, sich mit Fragen der Musiksoziologie auseinanderzusetzen. In intensiver Verbindung
stand W. außerdem mit Else Jaffé geb. von Richthofen (1874-1973), die bei ihm studiert, 1901 dann auch promoviert hatte und Widmungsträgerin des dritten Bandes der religionssoziologischen Schriften (GARS III, s.u.) ist.
1912 scheitert W.s Versuch, Lujo Brentano, Karl Bücher (16.2. 1847 - 13. 11. 1930, Nationalökonom und Begründer der Zeitungswissenschaft), Heinrich Dietzel (19.1. 1857 - 22.5. 1935, Nationalökonom), Franz Eulenburg (29.6. 1867 - 28.12. 1943), Edgar Jaffé, Gerhard Keßler, Johann Plenge (7.6. 1874 - 11.9. 1963), Gerhart von Schulze-Gävernitz (1864-1943), Ferdinand Tönnies, Theodor Vogelstein, Robert Wilbrandt (29.8. 1875 - 4.2. 1954), Otto von Zwiedineck-Südenhorst (24.2. 1871 - 4.8. 1957, Nationalökonom und Politiker) und den Bruder Alfred Weber
als sozialpolitische Linke zu formieren.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges übernimmt W. als Hauptmann der Reserve in Heidelberg die Einrichtung und Leitung von Feldlazaretten (W. war am 2.8. der Heidelberger Reserve-Lazarett-Kommission beigetreten), läßt sich von diesen Aufgaben aber nach Differenzen mit der Verwaltung im September 1915 entpflichten und quittiert den Militärdienst. W.s Einstellung zum Krieg, die er in zahlreichen Artikeln für die Tagespresse sowie in mehreren Memoranden niederschreibt, ist nicht ganz eindeutig. Einerseits streng antiannexionistisch eingestellt, mit Weitblick auf die westeuropäische Lage und von den schwindenden Friedenschancen nach jedem Sieg überzeugt, zweifelt W. bei der zunehmenden diplomatischen Kurzsichtigkeit der Generalität am Sinn des Krieges und seiner Gewinnbarkeit (1916 schreibt W. an Schulze-Gävernitz [s.u.]: »Gegen die U-Boot-Demagogie muß eingeschritten werden [mit Keulenschlägen von oben], sonst weiß ich nicht, wozu wir Monarchie heißen«), andererseits verkennt W., »der ja überhaupt an
einer Art Slavophobie litt« (Gerhard Masur, M. W. und Friedrich Meinecke [1960, s.u.], 712), die geo- und kulturpolitische Bedeutung der Polenpolitik.
Immerhin gelingt es W., der 1915 und 1916 zeitweilig in Berlin weilte, um Material für seine soziologischen und wirtschaftsethischen Studien zu den Weltreligionen zu sammeln, daß Admiral Alfred [1900: von] Tirpitz (19.3. 1849 - 6.3. 1930) abgelöst wird. Im Dezember 1917 gehört W. als Reaktion auf die sog. Seeberg-Adresse zu den Mitunterzeichner einer Petition für einen Verständigungsfrieden.
Neben W.s verstärkten politischen Aktivitäten bemüht sich W. um seine Rückkehr in das akademische Lehramt. Im Sommersemester 1918 lehrt W., am 22.1. berufen, in Wien, wiederum Eugen von Philippovich in dessen Ordinariat nachfolgend,
doch kann ihn die österreichische Kultusbehörde nicht halten; W. sieht seine Aufgabe in Deutschland und drängt auf Rückkehr.
Ende 1918 verbringt W. einige Wochen in Frankfurt als politischer Berater der Redaktion der »Frankfurter Zeitung«; in der gleichen Zeit gründet W. u.a. mit seinem Bruder Alfred die »Deutsche Demokratische Partei« (DDP), für die er im Frankfurter Wahlkreis gar für den Reichstag kandidieren soll, doch wird dies im letzten Moment vereitelt; eine Nominierung W.s für die Posener Liste bleibt unausgeführt. Zudem kann W. in der Leitung der DDP seine Visionen ebensowenig durchsetzen wie im verfassungsvorbereitenden Ausschuß, in den ihn der linksliberale jüdische Staatsrechtler Hugo Preuß (28.10. 1860 - 9.10. 1925), der eigentliche Vater der Weimarer Verfassung, berufen hatte: hier plädierte W. erfolglos für die Stärkung des Präsidialamtes sowie für die Einführung des Mehrheitswahlrechts nach englischem Vorbild, um somit einmal effektiver die Exekutive kontrollieren, andererseits zur Vermeidung politischer Parzellierungen fähigen Politikern zur Durchsetzung und Wahrung einer gewissen parlamentarischen Kontinuität verhelfen zu können; durchsetzen kann W. allerdings seine Forderung nach der Wahl des Reichspräsidenten durch das Volk - Karl Jaspers (s.d.) gar hat W. als Präsidentschaftskandidaten erwogen.
Zum Sommersemester 1919 wird W. als Nachfolger des linksliberalen Nationalökonomen Lujo Brentano zunächst als Gastdozent, dann als Ordinarius nach München berufen; Angebote aus Göttingen und Berlin sowie für einen auf W.s Neigungen zugeschnittenen Lehrstuhl in Bonn hatte er hingegen ausgeschlagen. Hier in München hält W. seinen programmatischen Vortrag über »Politik als Beruf«, der drei Grundanforderungen an den Politiker stellt: Leidenschaft im Sinne von Sachlichkeit, Verantwortlichkeit im Interesse des Sachanliegens, und Augenmaß als notwendige persönliche Distanz zu Dingen und Menschen. Damit grenzt W. politisches Ethos strikt von Lobbyistik, Klientelwirtschaft und eigeninteressengeleiteter Parteinahme ab.
Auf Vorschlag des Reichskanzlers Prinz Max von Baden (10.7. 1867 - 6.11. 1929) beruft der zwischenzeitliche Außenminister und nachmalige Moskauer Botschafter (1922) Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau (29.5. 1869 - 8.9. 1928) W. nach Versailles, wo W. neben Hans Delbrück (11.11. 1848 - 14.7. 1929), einem Schwager Adolf von Harnacks (s.d.), an der Formulierung der Denkschrift zur Prüfung der Kriegsschuldfrage mitwirkt; bereits im Februar 1919 hatte sich unter Beteilung zahlreicher Mitglieder der DDP in W.s Haus die »Arbeitsgemeinschaft für Politik des Rechts« (Heidelberger Vereinigung) konstituiert, die diese Frage schon erörtert hatte und für eine neutrale Untersuchung der Schuldanteile und Völkerrechtsverletzungen eintrat. Die Forderung der Entente nach Auslieferung der Kriegsschuldigen führt zu einem heftigen Zusammenstoß mit dem General Erich von Ludendorff (9.4. 1865 - 20.12. 1937).
Nach der Rückkehr aus Versailles nimmt W., vom Vertragsschluß enttäuscht, im Juni 1919 den Vorlesungsbetrieb in München auf; seine Lehrtätigkeit ist zuletzt von den tumultuarischen
Folgen der Räterepublik nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (MSPD, 14.5. 1867 - 21.2. 1919) durch den rechtsradikal gesinnten Anton Graf von Arco auf Valley (5.2. 1897 - 29.6. 1945) überschattet.
Anfang Juni 1920 muß W. wegen einer Bronchitis seine Verantstaltungen absagen, und nur wenige Tage später ist er tot. Im kleinen Kreis findet W.s Trauerfeier am Morgen des 17.6. auf dem Münchener Ostfriedhof statt. Sein Leichnam wurde eingeäschert.
W., Mittelpunkt der wilhelminischen Kulturwelt und Inbegriff Heidelbergs als Zentrum der Wissenschaftskultur im Vorkriegsdeutschland (der sonntägliche »jour« in Heidelberg sowie der religionswissenschaftliche »Eranos«-Kreis, 1904 von Adolf Deißmann [s.d.] und Albrecht Dieterich [2.5. 1866 - 6.5. 1908] gegründet, versammelte die luzidesten Köpfe) und einer der größten Kulturtheoretiker, gilt als der Gründervater der Soziologie. Seine Kompromißlosigkeit galt vor allem methodologischer Unschärfe, erkenntnistheoretischem Dilettantismus und unreflektiertem Schlagwortgebrauch, den er bei vielen Fachgelehrten monierte. Mit beißendem Spott kommentiert W. die ethnologische Kulturhistoriographie, wie sie beispielsweise von den Historikern Karl Lamprecht (s.d.) und Kurt Breysig (5.7. 1866 - 16.6. 1940) mit der These vertreten wurde, das archaisch-griechische Mutterrecht hätte Eingang in den germanischen Rechtskreis gefunden;
Lamprecht selber bezeichnete W. als Dilettanten (vgl. Luise Schorn-Schütte, Karl Lamprecht. Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik [1984, s.u.], 93) und trifft hier auf die Zustimmung Georg von Belows. Wissenschaftstheoretisch wendet W., seine Argumentation im Werturteilsstreit (s.u.) variierend, gegenüber Eduard Meyer ein,
daß dessen These: erforschenswert sei alles, was Geschichtsgeltung und historische Wirksamkeit habe, unhaltbar sei. W. negiert damit einen Reduktionismus, der Gegenwartsphänomene monokausal historisch ableitet; vielmehr ist die Historie insgesamt um ihrer selbst willen zu erforschen (»Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis [1904], s.u.). Meyer ist mit seiner universalhistorischen
Perspektivenöffnung für W. aber insofern wegweisend gewesen, als dessen Auseinandersetzung mit der »Oikos-Theorie« von Karl Bücher, die dessen These antiker Wirtschaftsstufen falsifizierte, anregend auf W.s Entwicklung des »Idealtypus« als heuristischen Paradigmas wirkte. Übrigens ist W. mit der Wahrnehmung, »daß nicht schon Rassenzugehörigkeit, sondern
erst Rassenbewußtsein eine Quelle von Gemeinschaftshandeln darstellt (...) der erste europäische Soziologe, der die soziale Dimension von Rassenbeziehungen erkannte« (Hans-Walter Schmuhl, M. W. und das Rassenproblem [s.u.], 332).
1909 entfachte W. nach dem Vorgang Werner Sombarts den Werturteilsstreit, an Gedanken seiner Freiburger Antrittsvorlesung (s.o.) anknüpfend, als er der Wissenschaft jegliche Berechtigung zu normativen Seinsollensaussagen absprach, somit der Nationalökonomie eine ethische Grundierung verneinte, die politische Gestaltungsansprüche reklamieren könne. Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse hätten objektiv zu sein und in der Distinktion präzise; zwar seien Ist- und Sollens-Aussagen gegenseitig bedingt und miteinander verknüpft, doch ist der Historiker zur Objektivität verpflichtet, darum zur Rekonstruktion des »Ist« angehalten. »Wir wollen die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens, in welches wir hineingestellt sind, in ihrer Eigenart verstehen - den Zusammenhang un die Kulturbedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen in ihrer heutigen Gestaltung einerseits, die Gründe ihres geschichtlichen So-und-nicht-anders-Gewordenseins andererseits.« Allerdings ist dann jede historische Auskunft komplex und in ihrer Wahrnehmung selektiv. Zu ihrer Beschreibung reichen W. Gattungsspezifikation nicht aus; an ihrer Stelle führt er den Begriff des »Idealtypus« ein, der das Prägnante der jeweiligen kulturhistorische Phänomene artikuliert: »Idealtypen sind bewußt extrem formulierte Gedankenkonstrukte und als solche die notwendige begriffliche Vorarbeit historischer Erkenntnis« (Gangolf Hübinger, M. W. und die historischen Kulturwissenschaften [s.u.], 278); sie beschreiben strukturelle Merkmale und keine empirischen Tatsachen. W.s Bestrebung um Typisierung ist durch die Vermittlung Wilhelm Windelbands (s.d.) und seines Schülers Heinrich Rickert (s.d.),
dessen Beförderung auf den Freiburger philosophischen Lehrstuhl nach dem Übergang des Österreichers Alois Riehl (27.4. 1844 - 21.11. 1924) in das Kieler Ordinariat W. favorisiert hatte, dem kantianischen Erbe in der trennscharfen Distinktion zwischen der Welt des Seins und der Welt des Sollens verpflichtet. Inwieweit W.s Denken um die Frage nach dem Menschen zentriert ist (vgl. die Beiträge von Wilhelm Hennis, * 1923 [s.u.]) und gerade sein Jugendwerk stark vom Denken so unterschiedlicher Autoren wie William Ellery Channings (1780 -1842) und Friedrich Albert Lange (s.d.) geprägt ist muß offengelassen werden.
W.s bahnbrechenden und kongenialen Studien zur protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus (»Erwerben von Geld und immer mehr Geld, rein als Selbstzweck«),
entstanden aus präzisen Beobachtungen in den USA und fundierter Auseinandersetzung mit dem puritanischen Schrifttum namentlich in seiner Krisenzeit im 17. Jahrhundert, knüpfen aber an Marx' Religions- und Kapitalismuskritik nur bedingt an, sondern stehen, da W. sein Augenmerk weniger auf sozialgeschichtliche als auf religionssoziologische Faktoren legt (W. betrachtete seinen Beitrag als »eine Art spiritualistischer Konstruktion der modernen
Wirtschaft« [M. W. an Heinrich Rickert, 2.4. 1905]), Friedrich Nietzsches Genealogie der christlichen Moral näher; ihre Grundtendenz liegen auch im Bemühen, in schärferer Methodenkritik die Resultate der kapitalismushistorischen Forschungen Werner Sombarts zu korrigieren. Sie bieten sich der sozialhistorisch wie der kulturkritisch, zeitdiagnostisch und modernitätstheoretisch kritischen Lektüre an. Die von ihnen ausgelösten Kontroversen sind dabei weniger inhaltlich begründet - W. postuliert ja keineswegs grundlegend neue Erkenntnisse zur calvinistischen Wirtschaftsethik (hierzu hatten beispielsweise schon Eberhard Gothein [Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes und der angrenzenden Landschaften, Straßburg 1892] und Werner Sombart [Der moderne Kapitalismus. Zwei Bde., Leipzig 1902] Untersuchungen vorgelegt; vielmehr führt W. bekannte Beobachtungen einer neuen, modifizierten Gesamtsicht zu -, sondern wissenschaftsgeschichtlich und rezeptionstheoretisch für das zeitgenössische Selbstverständnis von Kultur- und Sozialwissenschaften aufschlußreich und sind nicht zuletzt, wie Hartmut Lehmann (Max Webers »Protestantische Ethik« als Selbstzeugnis [1996], s.u.) wahrscheinlich macht, auch als literaturpsychologisches Selbstzeugnis lesbar, wenn W. hierin sein krisenhaft empfundenes Arbeitsethos reflektiert. Paradigma für den »Geist des Kapitalismus«, den weniger die gewinnorientierte, auf luxuriöse Lebensführung erpichte Kapitalakkumulation auszeichnet, sondern das ethisch grundierte Gewinnstreben als Selbstzweck, ist Benjamin Franklin (17.1. 1706 - 17.4. 1790); solch kapitalistische Lebensführung spiegelt nach W. das asketische Berufsverständnis wider, das in der Reformation vorgezeichnet ist. W. führt den Nachweis, daß die calvinistische emotionelle Kühle und religiöse Autonomie zur politischen und wirtschaftlichen Selbständigkeit im angelsächsischen Bereich führt;
die Frage der Prädestination wird diesseitig durch ökonomischen Erfolg beantwortet, denn kultische, sakrale oder magische Übungen widersprechen der Heilsökonomie Gottes und seiner Schöpfungsordnung. Arbeit allein wird ad maiorem gloriam Dei geleistet, da sie »Beruf« streng als Berufung (»calling«) begreift. Dieser ökonomische Rationalismus ist religionspraktisch indifferent (W. unterscheidet typologisch vier Weltverhältnisse des religiösen Habitus: Weltbeherrschung, -flucht, -anpassung und -überwindung), aber tief religiös grundiert und vermittelt, handfest greifbar am biblisch legitimierten, letztlich aber auf die reformatorische Übersetzung zurückgehende Prägung des Berufsbegriffs (vgl. Sir 11,20f.; zum Ganzen Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus. I Das
Problem [1905, GARS I, 63ff.]) und seiner Ausformulierung in dem puritanischen Schrifttum: W.s Rekurs auf Werke von (s.d.) Richard Baxter, John Bunyan und Lewis Bayly dürfte dabei alles als zufällig sein: »Die religiöse Wertung der rastlosen, stetigen, systematischen weltlichen Berufsarbeit als schlechthin höchstes asketisches Mittel und zugleich sicherste
und sichtbarste Bewährung des wiedergeborenen Menschen und seiner Glaubensechtheit mußte ja der denkbar mächtigste Hebel der Expansion jener Lebensauffassung sein, die wir hier als Geist des Kapitalismus bezeichnet haben« (Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus. II Die Berufsidee des asketischen Protestantismus [1905, GARS I, 180).
Zu erwägen dürfte allerdings sein, ob nicht auch W.s Lektüre der Dissertation von Fedor Stepun (Friedrich Steppuhn, 19.2. 1884 - 23.2. 1965) über Wladimir Sergejewitsch Ssolowjew (28.1. 1853 - 13.9. 1900, vgl. Zschr. f. Philos. u. Philos. Kritik 138 [1910], 1-79. 239-291, auch separat Leipzig 1910 erschienen) wegweisend für W.s Ausformulierung der Rationalismusthese wegweisend war. In diesem Zusammenhang ist W.s Definition kultureller Modernität zu lesen, die von der Trennung religiöser und metaphysischer Vernunft zu den drei autonomen Bereichen Wissenschaft, Kunst und Moral führt. Bahnbrechend ist vor allem daß es W. gelang, den Blick für das dem empathisch-gefühlsbetonten kontinentalen Denken entrückte puritanische Wesen zu schärfen. Zu dessen Eigentümlichkeiten gehört das Ethos der »innerweltlichen Askese«, die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse, Uniformierung des Lebensstils, Reduzierung des Konsums und Entpersonalisierung der Arbeit. Letztlich führt dieser Rationalismus zur Absorption von Individualität. Diesem okzidentalen Rationalismus
geht die »Entzauberung der Welt« einher, die bereits in der altisraelitischen Prophetie sowie der magiefeindlichen, auf außerweltliche Heilsvermittlung verzichtenden griechischen Philosophie angelegt ist und in die markanten abendländischen religiös-ethischen Entwürfe einmündet, wo sie sukzessive ihre gesamtgesellschaftlich-allgemeinverbindliche ormativität einbüßen und nur noch auf individuelle Bedeutsamkeit und Verbindlichkeit stoßen; an die Stelle der obsoleten Brüderlichkeitsethik, Signatur jeder »echten« Erlösungsreligion mit Universalitätsanspruch, rückt mit Surrogatsfunktion schließlich das subjektive Kunsterlebnis, der ästhetische Hedonismus. Macht und Herrschaft lassen sich unter den Bedingungen der Moderne nicht mehr metaphysisch begründen; Legitimitätsgrundlage von Herrschaftsausübung ist Verhaltensrationalität, die sich an Regeln und Verfahren bindet.
Historisch erweist sich die damit einhergehende gesellschaftliche Bürokratisierung allen anderen Herrschaftsformen als überlegen, was mit der Aufwertung von Bildung zur Norm einhergeht und sich im kulturellen Vergleich erhärten läßt: Rittertum stärkt Feudalherrschaft, Mandarinentum, Priester und Geistliche patrimoniale Strukturen, und die Konventionalität des britischen »gentlemanlike« die Honoratiorenverwaltung.
W.s idealtypischer Bürokratiebegriff rezipiert und bündelt die Strukturmerkmale des Beamtentums (Dienst- und Loyalitätsverhältnis auf Lebenszeit, das die ganze Person einschließt; delegierte Hoheitsbefugnisse; soziale Absicherung durch Besoldung und Pension; Standesehre, Pflichtbewußtsein und Disziplin), die zuvor der Verfassungshistoriker und Verwaltungstheoretiker Otto Hintze (27.8. 1861 - 25.4. 1940) formuliert hatte; W. ergänzt sie um die von ihm dann auch primär gewichteten Aspekte der hierarchischen Gliederung, Fachspezialisierung und Staatsprüfung als Eintrittsvoraussetzung. Klassisch an W.s Herrschaftssoziologie wurde seine Distinktion der
drei Typen legitimer Herrschaft: (1) »Legale Herrschaft kraft Satzung, Reinster Typus ist die bürokratische Herrschaft«, (2) »Traditionelle Herrschaft, kraft Glaubens an die Heiligkeit der von jeher vorhandenen Ordnungen und Herrengewalten. Reinster Typus ist die patriarchalische Herrschaft«, unterschieden nach Verwaltungs- und Ständestruktur, (3) »Charismatische Herrschaft, kraft affektueller Hingabe an die Person des Herrn und ihre Gnadengaben (Charisma), insbesondere: magische Fähigkeiten, Offenbarungen oder Heldentum, Macht des Geistes und der Rede (...). Reinste Typen sind die Herrschaft des Propheten, des Kriegshelden, des großen Demagogen« (Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft [1922, s.u.], GAWL, 475.478.481).
W. favorisierte im Zusammenhang mit Staatsverfassungsproblemen den mit charismatischer Legimität ausgestatteten Führer, der allerdings über keine diktatorischen Vollmachten verfügen dürfe, sondern der ständigen und wirksamen parlamentarischen Kontrolle unterworfen zu sein habe; nur ihn sieht W. in der Lage, gesellschaftsintegrierend und handlungspragmatisch die Immobilität auto- und bürokratischer Verwaltungsstrukturen überwindend agieren zu können. Seinen Charisma-Begriff entlehnt W. nach eigener Auskunft den Forschungen von (s.d.) Karl Holl und Rudolf Sohm (bei denen der Terminus verbatim übrigens weder begegnet noch über die Patristik hinaus reflektiert wird), doch ist dieser Kontext zu eng umrissen und dürfte wiederum Eduard Meyer mitverdankt sein.
In der grundpessimistischen Sicht auf persönlichkeitsrettende Potenzen (W. enttäuscht in seinem wegweisenden Münchener Vortrag vom 7. 11. 1917 vor dem »Freistudentischen Bund in Bayern« über »Wissenschaft als Beruf« jugendliche politische Messianitätserwartung mit dem Hinweis, daß solche Gestalten eben nicht herbeigezwungen werden könnten, wohl aber »die Forderung des Tages« individuell anzugehen sei) unterscheidet sich W. deutlich von Troeltsch, mit dem er ansonsten bis in teilweise deskriptiv wie analytisch terminologischer Nähe in werkbiographisch paralleler Entwicklung übereinstimmt, denn Troeltsch verbindet mit Religion trotz aller kritischen Wahrnehmung modernkapitalistischer Phänomene eine überindividuell relevante Gestaltungskraft moderner Lebensordnungen. Während W. okzidentalen Rationalismus und normativen Schwund religiös bestimmter Gesellschaftsprägemuster eher in einer progredieren bzw. Verfallsperspektive interpretiert argumentiert Troeltsch hingegen, daß es sich hierbei um einen Transformationsprozeß handelt, innerhalb dessen die Kulturpotenz und Sozialgestaltungsfunktion von Religion neu determiniert wird; was bei W. auf Funktionalitäts- und Legitimationsverlust von Religion hinausläuft, artikuliert Troeltsch als Prüfstein der Bestimmungsfähigkeit von Religion, inwiefern sie in Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche in der Lage ist, kollektivverbindlich Sinngebungskraft entfalten zu können. Troeltschs Kirche-Sekte-Mystik-Typologie fußt weitgehend auf Einsichten und Theoremen W.s; »Sekte« definierte W. als »Verein der religiös Qualifizierten« mit den Merkmalen der Freiwilligkeit, Genossenschaftlichkeit und (innerweltlicher) Askese (»außerordentlich straffe Kirchenzucht«) im Kontrast zu »Kirche« als bürokratisch organisierter Gnadenanstalt.
Auf W.s Modernisierungstheorie greift die jüngere Reformationsgeschichtsforschung mit dem »Konfessionalisierungsparadigma« zurück, das von Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling formuliert wurde; Gerhard Oestreich hat präzisierend den heuristischen Begriff der »Sozialdisziplinierung« zur Kennzeichnung des reformierten Ethos innerweltlicher Askese eingeführt. Im Rückgriff auf seine religionssoziologische Studie zum Hinduismus und unter Aufnahme des Tschandala-Begriffs Friedrich Nietzsches postuliert W. für das nachexilische Judentum den kennzeichnenden Wesenszug eines Pariavolkes mit Ausprägung einer doppelten, nach Binnen- und Außen- unterschiedenen Moral (vgl. z.B. das Zinsverbot) in einer kastenlosen Umwelt, damit den energischen Widerspruch Julius Guttmanns (s.u.) und des Historikers Salo W[ittmayer] Barons (A Social and Religious History of the Jews, 1937, 19522) provozierend; Pariavolk ist von W. definiert als »eine, durch (ursprünglich) magische, tabuistische und rituelle Schranken der Tisch- und Konnubialvergemeinschaftung nach außen einerseits, durch politische und sozial negative Privilegierung, verbunden mit weitgehender ökonomischer Sondergebarung andererseits, zu einer erblichen Sondergemeinschaft zusammengeschlossene Gruppe ohne autonomen politischen Verband« (Wirtschaft und Gesellschaft [s.u., WuG]5, 300).
W.s Auseinandersetzung mit der kulturhistorischen Bedeutung und Eigenheit des Judentums ist jedoch werkbiographisch differenzierter zu betrachten. Der Erwählungsgedanke rückt 1904/1905 im Kontext der Protestantismusthese in den Blick. Bei der zweiten Überarbeitung des Handwörterbuchbeitrages zu den antiken Agrarverhältnissen deutet W. den Prozeß der Staatswerdung Israels bis zu Josia (s.d.) in religionssoziologischen und sozialhistorischen Grundzügen an, bevor ab 1910 im Rahmen der Ausarbeitung von »Wirtschaft und Gesellschaft« das analytisch-begriffliche Instrumentarium verfeinert und die altisraelitische und frühjüdische Geschichte des Gottesvolkes detaillierten Untersuchungen unterzogen wird; bezeichnenderweise nimmt W. den keineswegs als linear angenommenen Übergang vom alten Israel zum Judentum weniger in Fortschritts- als in Verfallsperspektive wahr, da W. zum einen seine Bewertungskriterien der prophetischen Hochzeit entlehnt, W. andererseits mit seiner Zeitgenossenschaft die Reserve gegenüber der jüdischen Alienität teilt: in diesem Zusammenhang sind irritierende Begriffsprägungen wie plebejische Intellektualität (für die Rabbinen) zu verstehen.
In die zweite Jahrhundertdekade fällt auch W.s Auseinandersetzung mit Werner Sombarts »Die Juden und das Wirtschaftsleben«; bei dieser Gelegenheit erklärt W., warum das Judentum trotz seiner rational geprägten Ethik keinen signifikanten Anteil an der Ausbildung des modernen Kapitalismus hatte. Nach den vergleichenden religionssoziologischen Studien der Jahre 1913 (1915 publiziert) ist das von W. nicht als Weltreligion, wohl aber als unverzichtbar zur Erklärung christlicher wie islamischer Entwicklungstendenzen sowie historisch grundlegend für sozioökonomische Faktoren bei der Herausbildung der Moderne verstandene Judentum Sujet der Artikelserie von 1917. W.s Sicht des Judentums hat also werkbiographisch mehrere Etappen durchlaufen, so daß sich manche distinktive Schlagworte (z.B. Legalismus; Pariavolk, -religiosität und -intellektualismus; inner- und außerweltiche Moralität) nur bedingt zur Kennzeichnung des Standpunktes M. W.s eignen, zumal wahrscheinlich gemacht werden kann, daß W.s Perspektivierung des Judentums häufig vom religionssoziologischen und -psychologischen Blick auf die Wirtschaftsethik des Protestantismus in den verschiedenen Ausprägungsformen geleitet ist. Dadurch aber gelingt es W., den innerweltlich-asketischen Protestantismus und das Judentum epigenetisch als ethisch-religiöse gleichwertige Alternativen zu antiken vorderasiatisch-mediterranen Kulturreligionen zu profilieren.
So wenig hilfreich W.s Beobachtungen zum nachexilischen Judentum auch sind, so bleiben sie doch fruchtbare Ansatzpunkte für die sozialhistorische und mentalitätsgeschichtliche Rekonstruktion der Zeitenwende: das Pharisäertum propagierte die Bildungs- gegenüber der Geburtsaristokratie der Sadduzäer. Im Urchristentum erkennt W. eine gesinnungsethische Sublimierung anstelle der ritualistischen Überbietung pharisäischen Ethos im Essenertum; das hierokratische Amtscharisma des Frühkatholizismus domestiziert und rationalisiert die institutionell ungebundenen persönlichen Charismen des ekstatisch-prophetischen Enthusiasmus im Warten auf die Parusie und mündet im Episkopat und der Herausbildung der im Vollsinn katholischen Kirche in die welthistorisch erste rationale Bürokratie; dieser Prozeß findet Höhepunkt und Abschluß in den Kirchenreformen Gregors VII. (s.d.) als Antwort auf die Herausforderungen des cluniazensischen Reformmönchtums, denn die radikaloppositionelle monastische Bewegung wird kirchlich nicht durch Assimilation, sondern durch Inklusion integriert, festigt durch die westkirchliche »Vollentwicklung« ihren Charakter als sakramentaler Gnadenanstalt und bildet damit den Grundstock der mittelalterlichen Einheitskultur. Diese wird jedoch durch Durchbrechung der Feudalisierung und urbane Gesellschaftsreformen (sog. Usurpationsthese) als sozialer Kontext brüchig und ermöglicht durch die Entstehung der bürgerlichen neben der bäuerlichen, handwerklichen und herrschaftlichen Lebensformen die Entstehung des Kapitalismus, da in dessen Zentrum das Ethos der Berufspflicht stand. W.s Kapitalismusthese steht damit diametral der Ansicht Lujo Brentanos gegenüber, für den die kapitalistische Wirtschaftsform mit ihrem von keiner Ethik gedeckten Gewinnstreben einer gesellschaftlichen Entmoralisierung entsprang. Die intuitive Gnosis-Deutung W.s als einer entpolitisierten und entmündigten kosmologischen Erlösungs- und Intellektuellenreligion im Widerspruch zum autoritären bürokratisch-militaristischen Imperium Romanum (WuG5, 306f.) ist in der patristischen Forschung rezipiert worden und scheint sich, zumindest am Beispiel der Valentinianer, verifizieren zu lassen.
Bei der Analyse der hinduistischen, im dogmatischen Gehalt nur schwer mit westlich geprägten Religionen vergleichbaren Lehre bestimmt W. deren Wiedergeburtsvorstellung als rationalste Formulierung einer Lösung der Theodizeefrage. Um Seelenwanderungs- (samsara) und Vergeltungslehre (karma) gruppiert sich locker ein religionsphilosophisches Geflecht, dessen Zentrum allerdings die kastenspezifisch determinierte Ritualpflicht ist. W. arbeitet getreu seinem religionsgeschichtlichen Entwicklungsschema die Übergänge von der Magie zur Soteriologie heraus und gelangt zu dem Resultat, daß der Brahmane den historischen Typus des sozial positiv privilegierten religiösen Virtuosen verkörpert. Die Veden zementieren daher die ethische und sozioökonomische Katenlegitimität im Sinne einer geburtsständischen Ordnung. Jainismus und Buddhismus sind hingegen heterodoxe Bewegungen, die ihre antibrahmanische und antiritualistische Gemeinsamkeit in der Ablehnung des Kastenwesens haben. Die innerweltliche Flucht des Buddhismus ist kontemplativ geprägt und stufenartig strukturiert nach Laien- und Mönchsethik, ohne allerdings eine vermittelte Anstaltsgnade zu kennen.
W.s leitendes Erkenntnisinteresse bei der Untersuchung außereuropäischer Kulturen und der sie prägenden religiös-wirtschaftstheischen Vorstellungen ist die Frage nach strukturellen Dispositionen und Differenzen, die die Ausprägung einer dem okzidentalen Rationalismus vergleichbaren Mentalität und Gesellschaftsformation verhindert haben. Insofern treffen berechtigte Kritiken an W.s Indien- oder Chinabild den Kern nur unzutreffend: W. ging es weniger um detailtreue Analyse von Fremdkulturen, sondern letztlich um das selbstrelativierende bessere und tiefere Verständnis der abendländischen Kultur und ihrer Formationsbedingungen, womit dem fremdkulturellen Vergleich heuristische Funktion zukommt. In die Diskussion über Ferdinand Tönnies »Gemeinschaft und Gesellschaft«, [1887] vermittelt definiert Charisma W. als »eine als außeralltäglich (...) als mit übernatürlichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich (...) gewertet« (WuG II, 552).
Aus der Erkenntnis, daß Staats- als Realpolitik eng mit wirtschaftlichen Fragen verknüpft ist, erwächst W. Dichtomomierung des Ethos in unpolitische Gesinnungs- und handlungspragmatische Verantwortungsethik: von W. zwar komplementär gedacht wirken beide Konzepte doch antagonistisch und unvermittelbar, da dem Gesinnungsethiker, zumal unter Berufung auf die absolute Ethik der Bergpredigt (Mt 5,39) politische Macht immer dämonisch bleiben, dem Verantwortungsethiker der Idealismus realpolitisch naiv erscheinen wird. W.s eigene Konsequenz aus dieser konkurrierenden Wertkollision ist sein im April 1919 vollzogener Austritt aus der DDP mit der Begründung: »Der Politiker muß Kompromisse machen - der Gelehrte darf sie nicht decken« (zit. nach Marianne Weber, M. W. [s.u.], 702). In wissenschaftssystematischer Hinsicht kann Max Scheler (s.d.) als der Erbe M. W.s angesprochen werden.
In interdisziplinärer Breitenöffnung wird in den letzten Jahren verstärkt W.s Lebenswerk wiederentdeckt und neubewertet: stand nach W.s Tod seine Persönlichkeit als Wissenschaftler und politischer Denker stärker im Vordergrund als sein Werk, von dem lediglich der Protestantismus-Aufsatz rezipiert wurde (die eigentliche Kontroverse initiierte H. Karl Fischer 1907, dem 1909 Felix Rachfahl [9.4. 1867 - 1925] beitrat), so erlischt das Interesse an W. mit dem Ende der Weimarer Republik. Die Diskussion der Weberschen Ansätze verlagert sich in den angelsächsischen Raum; von den USA aus (Talcott Parsons [13.12. 1902 - 8.5. 1979] hat maßgeblichen Anteil an der Rezeption W.s) wird W. im Nachkriegsdeutschland erst in den fünfziger Jahren wieder reflektiert, wobei allerdings auffällt, daß die Rezeption oftmals auf den jeweiligen Sprachraum beschränkt bleibt, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß »Soziologie« in Deutschland nicht mit dem englischen »sociology« kongruiert, wo die Konnotation mit den »humanities« ungleich stärker ist.
Bahnbrechende Untersuchungen markieren Wolfgang J. Mommsens (* 1930) Analyse von W.s Politikverständnis (1959) sowie Arthur Mitzmans »Iron Cage« (1970); unverzichtbar sind die von Wolfgang Schluchter (* 4.4. 1938) edierten Sammelwerke zu Detailaspekten von W.s religionssoziologischen Fragestellungen. Erst die noch nicht abgeschlossene M-W.-Gesamtausgabe bietet einen editionskritisch befriedigenden Wortlaut des disparaten Schrifttums W.s, das zum Hauptteil in den von Johannes Winckelmann (* 29.3. 1900) herausgegeben mehrbändigen »Gesammelten Aufsätzen« bequem zugänglich ist. Der internationale Historikerkongreß von 1985 (Dokumentationsband: Jürgen Kocka, M. W., der Historiker [s.u.]) beschäftigte sich intensiv mit Fragestellungen und der Rezeptionskritik W.s, und die sozialgeschichtlichen Ansätze, die an der Universität Bielefeld entwickelt wurden und werden, stehen ebenso in der Tradition der fruchtbaren Adaption Weberscher Denkansätze wie die Historiographie Hans-Jürgen Wehlers (* 11.9. 1991).
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