Geschichte des Dorfes Würdenhain

aufgestellt 1953 von Lehrer Rudolf Matthies im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes Titelbild von Johannes Henseler

für das Internet aufbereitet von Ursula, Heinz und Matthias Lohse (Version 1.1 v. 01/2007)

Anmerkung: Die eingefügten Nachträge des Autors wurden kursiv gedruckt. Der Teil II der Chronik (ab 1945) liegt bisher nur unaufbereitet vor und wird zu gegebener Zeit an gleicher Stelle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

1. Unsere Heimat vor Jahrtausenden
2. Das alte Schloß
3. Was ist nun aus unserem Schloß geworden?
4. Gründung und Entwicklung des Dorfes
5. Der Oppach
6. Die Kirche
7. Die Schule
8. Die Bauern und ihre Lasten
9. Von Elster und Röder
10. In der Dorfschenke
11. Schwere Zeiten
12. Wie sich die Bauern empörten
13. Dörfliches Leben
14. Nachwort
15. Anhang: Karten, Skizzen und Fotos (folgt später)

1. Unsere Heimat vor Jahrtausenden

Gemessen an unserem eigenen Leben erscheint uns ein Jahrtausend als ein sehr langer Zeitraum. Betrachten wir jedoch die Geschichte der Menschheit, so ist eine Spanne von 1000 Jahren nur eine recht kleine. Längst bevor unser Dorf gegründet worden ist, gab es schon menschliches Leben in unserer Gemarkung, das Spuren in Form von Bodenfunden hinterlassen hat. Unsere Flur war in jenen längst vergangenen Zeiten von großen Wäldern bedeckt, die Elster- und Röderaue von Flußarmen und Sümpfen durchzogen. An den hochwasserfreien Auenrändern haben mehrfach Menschen gesiedelt. In der Gegend unserer Bergstücken wurden Klingenschaber von steinzeitlichen Jägern und Sammlern gefunden, bei Reichenhain ein etwa 4000 Jahre altes Steinbeil und bei Prieschka 2 Gefäße von Feldbauern und Viehzüchtern der jüngeren Steinzeit. Die Bronzezeit vor etwa 3000 Jahren hat Flachgräber bei Prieschka hinterlassen, und ein sachkundiger früherer Lehrer Voegler vermutete das zugehörige Dorf an der Ottersee am Würdenhainer Wege. Auf unserem anschließenden Pfarracker fand er eine große Zahl bronzezeitlicher Scherben. Aus der folgenden frühen Eisenzeit machte Herr Milde auf seinem Felde am Mühlweg im Jahr 1947 Grabfunde, die wir mit Genehmigung des Landesmuseums in der Schule aufbewahren und auch im Unterricht gut verwerten können. Wie man sich entsinnen wird, war damals der Röderdamm gebrochen und mußte wieder ausgefüllt werden. Dabei kamen die genannten Funde aus 60 cm Tiefe zum Vorschein, gingen aber zum Teil zu Bruch. Es handelt sich um eine 25 cm hohe Urne, die wieder zusammengesetzt worden ist, ein zierliches Gefäß vom sog. Billendorfer Typus, und Reste von 2 Schalen. Es. ist also ein Brandgrab angeschnitten worden, und es darf vermutet werden, daß es dort nicht das einzige ist. Es müssen sich dort in der Nähe also auch Wohnstätten befunden haben. In der Zeit um Christi Geburt war unser Gebiet von dem germanischen Stamme der Burgunden besiedelt, die wiederum bei Prieschka einen ganzen Friedhof hinterlassen haben. Einige der gefundenen Lanzenspitzen, äxte usw. können wir vielleicht demnächst im Kreismuseum Liebenwerda betrachten. Doch war unsere Heimat vor 2000 Jahren wohl nur schwach besiedelt und bot den um 600 n. Chr. hier einrückenden Sorben (Elbslawen) reichlich Platz. Aus dieser Zeit haben sich Ortsnamen wie Prieschka, Oschätzchen, Biehla, Kotschka, Prösen usw. erhalten. Unsere eigene Flur scheint unbesiedelt geblieben zu sein.

2. Das alte Schloß

Das kleine Dorf Würdenhain gehört zu den für die Heimatforschung interessanten Orten unseres Kreisgebietes. Was alte und neue Ergebnisse der Forschung über das ehemalige Wasserschloß aussagen, soll im folgenden im Zusammenhang dargestellt werden. Wer heute nach der ehemaligen Schloßstätte fragt, bekommt eine Wiese unweit der Rödermündung zwischen dem Röderdamm und dem Dorf gezeigt, die sich durch nichts von anderen Grundstücken unterscheidet. Und doch ist es nicht nur Sage, sondern urkundlich belegte Tatsache, daß sich hier im Mittelalter eine Schloßanlage befand. Um ihr Werden und ihr Vergehen zu verstehen, müssen wir im Buch der Geschichte um ein volles Jahrtausend zurückblättern.
Damals war unser Elsterland Siedlungsgebiet des westslawischen Sorbenvolkes, wobei das rechte Elsterufer zum Gau Lusici, der Lausitz rechnete. Seitdem im Jahre Jahre 929 die Burg Meißen von den Sachsen angelegt worden war, streiften auch ostwärts der Elbe sächsische Reiter. Von Belgern her nahm der wegen seiner Grausamkeit berüchtigte Markgraf Gero um 956 zunächst das Land bis zur Elster in Besitz und legte an deren linkem Ufer Befestigungen an. Vielleicht ist schon um diese Zeit die Burg Würdenhain entstanden. Andernfalls erfolgte ihre Gründung im ersten Viertel des 11. Jahrhunderts, das voller blutiger Kämpfe zwischen den deutschen Königen und Markgrafen und den Polenfürsten war und der einheimischen, sorbischen Bevölkerung fraglos schwere Leiden auferlegte. Die Sorben aus Prieschka und den Ziegramdörfern dürften die Hauptarbeit beim Bau der Burg geleistet haben. Im Jahre 1003 kam es zur Festlegung der Odergrenze, aber dieser Frieden war bald von Heinrich II. aufgekündigt worden, und es folgten neue Kämpfe, bis 1013 und 1018 wieder die Elster vorübergehend zum Grenzfluß wurde. Erst seit 1031 ist unser Kreisgebiet mit den fünf Elsterburgen Wahrenbrück, Liebenwerda, Würdenhain, Saathain und Elsterwerda endgültig in deutscher Hand.
In diesen Wirren hatte die Burg "Werdenhain" auf ihrem von Wasser umgebenen Platz an der Rödermündung militärische Bedeutung und mag manchen Kampf erlebt haben. Werder bedeutet Insel, wie bei Liebenwerda und. Elsterwerda.
Nachtrag aus Teil II: Der Ortsname Würdenhain
1346 Werdenhayn, 1405 Werdinhain, Wirdenhain, 1410 Werdenhain, 1486 Wirdenhain, 1529 Werdenhayn, 1577 Wirdenhan, 1617 Wirdenhain, Werdenhain, 1675 Würdenhain. Werder, wert (mhd.) und werid, warid (ahd.) bedeuten Insel, Halbinsel, erhöhtes, wasserfreies Land zwischen Sümpfen, Ufer.
Würdenhain bedeutet Hagen, Hain auf einem Werder (umgeben von Wasserarmen der Röder und Elster) oder zur Burg gehörender Hagen = umhegter, eingefriedeter Platz. Ein deutscher Ortsname. Endung -hain vielleicht aus -heim, mitgebracht aus Gegenden, in denen solche Endungen verbreitet sind, z. B. im Ostfälischen, dann phonetisch zerfallen.
überkorrekte Schreibungen waren bestrebt, angeblich mundartliche Formen der angenommenen hochsprachlichen Lautung gemäß zu schreiben, statt e schrieb man seit 17. Jh. Daher ö, statt i ein ü, so entstand durch Kanzleischreiber die Form Würdenhain oder -hayn. Mundartlich heute Wern oder Wirn. (Aus E.Crome, die Ortsnamen des Kreises Bad Liebenwerda, Berlin 1968)
Jede dieser Burgen war Sitz eines Ministerialen (Burghauptmann), nach Befestigung der deutschen Herrschaft wurden die Burgbezirke in Grundherrschaften verwandelt und Vasallen mit ihnen belehnt. Und als eine solche taucht 1370 erstmalig das "Dominium" Würdenhain in Urkunden auf. Zu dieser Herrschaft gehörte das Gebiet mit den Dörfern Haida, Reichenhain, Prieschka und Oschätzchen, ursprünglich wohl auch Kosilenzien und Kröbeln bis zum Ziegram. Im Jahre 1405 wird das "Schloß" Würdenhain ausdrücklich als solches in einer Verpfändungsurkunde bezeugt.
Die Sage erzählt von einem unterirdischen Gang, der einst nach Schloß Saathain geführt haben soll. Ein derartiger langer Gang erscheint jedoch im Hinblick auf den früher noch höheren Grundwasserstand als eine technische Unmöglichkeit. Solche Gänge werden bei fast jeder Burganlage behauptet, haben sich aber bei Nachprüfung gewöhnlich als Phantasiegebilde erwiesen. Im übrigen hat auch mit Saathain kein besitzmäßiger Zusammenhang bestanden. Die auffällig enge Nachbarschaft (nur 1 km) erklärt sich aus der zwischen ihnen seit der Sorbenzeit verlaufenden Verwaltungsgrenze. Während Saathain zum Gau Dalaminzien bzw. der Mark Meißen gehörte und von Strehla aus gegründet wurde, war Würdenhain Eckpunkt des Gaues Nizizi bzw. der Ostmark und dürfte von Belgern aus angelegt worden sein. Die Vasallen lebten von der Arbeit ihrer Bauern, die um 1200 die Dörfer Würdenhain, Reichenhain und Haida gegründet und die alten Sorbendörfer Prieschka, Oschätzchen, Kröbeln und Kosilenzien ausgebaut hatten.
Nachtrag: Vielleicht war jener Albert von Berndorff 1408 Schloßherr zu Würdenhain, als er bezeugte, daß die armen Leute zu Prieschka von seinem Vater, von ihm und seinen Brüdern eine Lache (Lassig oder Storchlache?), um das Dorf gelegen, gehabt haben (Schnettgen-Kreißig, Diplomataria (?) S. 472).
Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft begann Ende des 14. Jahrhunderts der Verfall des Rittertums, und auch für unsere Heimat liegen Nachrichten über blühendes Raubritterwesen vor. So war z.B. Heinrich von Waldow zu Mückenberg, dem 1405 auch Würdenhain verpfändet war, aktenkundlich ein Straßenräuber.

3. Was ist nun aus unserem Schloß geworden?

Ungewöhnlicherweise ist es weder zu einem Rittergut (wie Saathain) oder zu einer Stadt (wie Wahrenbrück) geworden, noch ist es als Schloß oder Ruine erhalten geblieben. Nach Angaben des Chronisten Hasche aus dem Jahre 1784 und der Liebenwerdaer Chronik von 1837 soll es auf Befehl des Kurfürsten Albrecht im Jahre 1410 bzw. 1420 zerstört worden sein. Als Grund wird angegeben: "Weil sich der Besitzer gegen eine Hofdame der zu Liebenwerda residierenden Kurfürstin Margarethe ungebührlich erzeiget". Zuverlässiger als diese Nachricht sind zwei Urkunden des Dresdner Landesarchives. Kurfürst Friedrich der Sanftmütige hatte danach den Würdenhainer Schloßherrn Hans Marschall ins Gefängnis werfen lassen, das Lehngut Würdenhain mit Zubehör eingezogen, das Schloß selbst zerstören lassen und befohlen, daß es niemals wieder errichtet werden solle. Die Brüder des Frevlers, Gerhard, Jürge und Ludolf Marschalke, kündigten dem Kurfürsten hierauf die Fehde an, weshalb auch ihnen ihre in Thüringen gelegenen Besitzungen entzogen wurden. Im Jahr 1443 wurde der Ritter Birke v.d. Duba mit Würdenhain belehnt. Auf diese Kunde hin hielten es die Marschalls doch für besser, die Fehde zu beenden und mit dem Landesherrn Frieden zu schließen. Durch Freunde führten sie einen Vergleich herbei und unterwarfen sich den Sühnemaßnahmen. Sie verzichteten am 5.8.1443 (Urkunde Nr. 6776) auf alle Rechte an Würdenhain. Hans Marschall wurde aus dem Gefängnis entlassen und gelobte, die sämtlichen Länder der sächsischen Fürsten mindestens auf Jahr und Tag zu verlassen. Später wurde er in Gnaden wieder aufgenommen, ja sogar zum Landvogt in Sachsen (d. h. im Kurkreis Wittenberg) ernannt. Als Entschädigung für die an Würdenhain erlittenen Schäden räumte ihm der Kurfürst auf einige Jahre ein anderes Schloß (Brücke) ein. Den Gebr. Marschall wurden ihre väterlichen Güter in Thüringen zurückgegeben. Alle vier gelobten rechte Urfehde. Am 28.2.1455 (Urkunde Nr. 7418) verzichtete Hans Marschall nochmals auf alle Ansprüche wegen Würdenhain.
Der Zeitpunkt der Zerstörung kann nach den Rechnungen des Amtes Liebenwerda genauer festgestellt werden. Nach der Jahrrechnung von 1442 (Archiv Weimar Bb 1646) lag nämlich im Schloß Liebenwerda folgendes Aufgebot bereit: "Dominica ptz. Tiburci die Wochin (= Woche nach dem 14. April) Günther Welthewitz (=Vasall zu übigau) mit 2 Pferden, Hans von Glichow mit 1 Pferd, Heiner Wihperg mit 2 Pferden, ferner 2 Schützen aus der Stadt und die Wächter vom Lande, als sich der Irrtum anhob mit Hanß Marschalcke". Es lagen ferner bereit: "Hermann Schaff (=Vasall zu Falkenberg) mit 1 Pferd 4 Tage, Christoph Störe mit 1 Pferd 5 Tage, ferner die Stadt mit 3 Pferden 1 Tag, 3 Schützen zu Fuß aus der Stadt und 3 Wächter vom Lande die ganze Woche." Danach kann als sicher angenommen werden, daß Hans Marschalk im April 1442 in seinem Schloß Würdenhain gefangengenommen worden ist. Bei einiger Phantasie kann man sich den vom Lubwart ausziehenden Fehdezug anschaulich vorstellen. Wie die Gefangennahme des Ritters vor sich ging, ob er sich bis zur Zerstörung seines festen Hauses verteidigte, welche Rolle die Würdenhainer Bauern hierbei spielten, oder ob er überrumpelt und das Schloß erst nachträglich dem Verfall überlassen wurde, können wir heute nicht mehr feststellen. Unklar bleibt auch der Grund des Zwistes. Ob sich Hans Marschall tatsächlich ungebührlich aufgeführt oder etwa auch das Gewerbe des Raubritters ausgeübt hatte, oder ob der Kurfürst nur nach einer Gelegenheit suchte, sein Landesfürstentum abzurunden, bleibt gleichfalls ungeklärt.
Im Jahre 1443 ging die Herrschaft Würdenhain als Teil der Herrschaft Mühlberg über an Hincko Birke v.d. Duba. Dieser böhmische Ritter hing dem Hussitentum an und war eigentlich auf der Burg Hohenstein in der Sächsischen Schweiz ansässig gewesen. Er mußte seine dortigen Besitzungen abtreten und erhielt dafür die Herrschaft Mühlberg mit Würdenhain. Die Kaufurkunde vermerkt: "Das Waell zu Werdenhain soll zu ewigen Zeiten nicht bebaut noch bezimmert werden." 1480 erscheint abermals "das Wahle" oder "die Wahlstedt", aber 1484 ist das ehemalige Schloß selbst aus der Urkunde verschwunden.

(Wappen und Amtssiegel von Würdenhain siehe Anhang 1)
Die Ruine taucht jedoch nochmals im Jahre 1564 in den Akten des Amtes Mühlberg auf, wie Nachforschungen im Dresdner Archiv neuerdings ergeben haben. Damals beklagten sich die Würdenhainer Bauern über den Mühlberger Amtsschösser Fuchs. In der Beschwerde heißt es u. a.: "Zum siebenten haben wir ein gemeines Holz über Menschengedenken zu Nutz und Gebrauch gehabt, davon wir notdürftiglich Kirchen und Schulen, Pfarre, Wege und Stege dazu bedürftend erbauet, welches uns der Verwalter damit nichts zu schaffen zu haben verboten." Dazu berichtet Fuchs 11.5.1564 über das strittige Gemeindeholz: "Ich habe solchen Platz, welcher zwischen den Dorfschaften Werdenhain, Heyde und dem Sathem gar im Sumpf und Wasser gelegen, in Besichtigung genommen und soviel gefunden, auch von alten Leuten berichtet worden, daß ein alt Schloß gestanden, wie denn noch die Steine und andere Wahrzeichen vorhanden, dabei etliche Horste gelegen, welche mit guten Eichen bestanden gewesen, die von den Einwohnern zu Werdenhain und Heyda den mehreren Teil dieblich entwendet worden".
Hieraus ergibt sich zugleich, daß die Bäume und wohl auch die Steine der wüsten Schloßstätte zu öffentlichen Bauten verwendet wurden. Wie in solchen Fällen üblich, hat die Ruine als Steinbruch gedient. Man darf sogar annehmen, daß aus ihrem Mauerwerk das Schiff der heutigen Dorfkirche errichtet wurde, unter Duldung durch den neuen Herrn v.d. Duba, der ja durch seine Schenkung der Hofewiese im Jahre 1444 als Gönner der St. Katharinenkirche zu Würdenhain bekannt ist. Das Schiff mit seinen noch erkennbaren kleinen, gotischen Fenstern ist aus den gleichen Steinen erbaut, wie sie nach Berichten älterer Ortseinwohner im "Wall" ausgegraben wurden und von denen noch einige wenige erhalten blieben, darunter ein Ziegel vom Querschnitt 8 x 12 cm. Das Balkenwerk der Kirche ist sicherlich auf dem Schloßwall gewachsen, und zum Neubau des Pfarrhauses 1575 sowie des Kirchturmes 1577 mag man noch aus der gleichen Quelle geschöpft haben. Man kann getrost behaupten: Das alte Schloß ist wiedererstanden als Kirche (s. a. Pkt.6).
Die Flurkarte von 1885 ließ noch die Wassergräben erkennen, die rings um das Schloß liefen und einen Innenraum einschlossen, der etwa der Grundfläche des Saathainer Schlosses entsprach. Um diese Zeit gehörte das Grundstück bereits zum Hof Dietrich (Nr.10), hatte aber noch wenig landwirtschaftlichen Wert. Das Gelände war sumpfig, der Wall selbst mit Eichen, Nuß- und Birnbäumen bestanden. Seit der Anlage der Neuen Röder im ersten Weltkrieg hat sich der Wasserspiegel gesenkt. Die mannshohen Wälle wurden eingeebnet und mit den Erd- und Schuttmassen die "Wallgruben" ausgefüllt, so daß sich eine ebene, ertragreiche Wiese ergeben hat. Schloßtrümmer wurden noch zu den Grundmauern der Gebäude des Hofes Nr.10 verwendet. Es wird erzählt, daß man Bruchsteine mit Pferden herausgeschleift und außer Mauerwerk und eichenen Pfählen auch Dachpfannen, Schlüssel, Hufeisen, Leuchter und Aschenreste gefunden habe. Leider ist von diesen Dingen nichts erhalten geblieben. Die letzten Reste des Walles, mit Immergrün und Schneebeerensträuchern bewachsen, sind erst um 1945 eingeebnet worden. An das Schloß erinnert nur noch der Name der "Schloßwiese", die aber durch die neue Röder abgetrennt worden ist. Unser Schloß ging unter vor 500 Jahren zu einer Zeit, da das Rittertum ohnehin abgewirtschaftet hatte und das Bürgertum seinen Aufstieg begann. Würdenhain hätte sich sonst wahrscheinlich in ähnlicher Weise weiter entwickelt wie Saathain, also zu einem Rittergutsdorf mit allen üblichen Nachteilen für die Bauern. So aber konnte sich die bäuerliche Flur erweitern, und es bedurfte nicht einer Bodenreform.

4. Gründung und Entwicklung des Dorfes

Nach der Festigung der sächsischen Herrschaft kam im 12. Jahrhundert die Zeit heran, da die deutschen Herren zwecks besserer Nutzbarmachung der erhaltenen Lehen Bauern ins Land riefen und hier ansiedelten. So rückten um das Jahr 1180 auch Gruppen aus Thüringen in den Oppach ein; sie brachten zur Namensgebung der neuen Dörfer die Silbe -hain mit. Wir kennen den Vorgang solcher Ansiedlung von anderen Beispielen her, bei uns wird sie sich ähnlich abgespielt haben. Schwerfällige, mit starken Rindern bespannte Bauernwagen kamen dahergezogen, Frauen und Kinder saßen darauf. Zwischen ihnen türmte sich das nötigste Hausgerät, einige Säcke voll Mehl und Saatgetreide, ein Ballen grober Leinwand. Neben den Wagen aber schritten erwartungsvoll die Männer. In gemeinsamer Arbeit wurden der Wald gerodet und die Wohnstätten als schlichte Lehm- und Fachwerkhäuser errichtet. Der Anführer wurde Erbrichter und Krüger, im übrigen erhielt er wie die anderen einen Hufenanteil an der Flur, die sich nach Prieschka zu erstreckte. Würdenhain hatte wohl acht solcher Hüfner. Die Höfe wurden bei uns wegen der nassen Lage nicht an breiter Straße in dichter Nachbarschaft angelegt. Der Erbrichter kam in die nächste Nähe des Schlosses. Die hölzerne Kirche und der Kirchhof erhielten den höchstmöglichen Standort. Reichenhain brauchte derartige Rücksichten nicht zu nehmen; es scheint übrigens in Anbetracht seines regelmäßigen, geschlossenen Ortsbildes ein wenig jünger zu sein.
Einen Maßstab für das Alter unserer einzelnen Hofstellen bieten die Hausnummern, wenn diese auch erst im 18. Jahrhundert (1787) aufkamen. Zum ärger jedes neuen Briefträgers folgen sie ja nicht der Lage in der Reihe. Die Hüfnergüter bekamen die Nummern 1 bis 8, die etwas jüngeren Gärtnerstellen die Nummern 9 bis 16. Letztere sind möglicherweise von Burgknechten erbaut worden (vor allem Nr. 10), etwa nach der Auflösung des Schlosses im Jahre 1442. Zuletzt kamen die "Häuslernahrungen" hinzu, etwa im 16. Jahrhundert (Nr. 17 - 22). Kirche, Pfarre und Schule erhielten die Nr. 23 bis 26, und die Hausnummern ab 27 schließlich entstanden nach etwa 1800.
Die Nr. 20 dürfte 1541 durch den abgedankten Pfarrer Banzer auf einem Pfarrgrundstück erbaut worden sein. Mehrfach kamen Teilungen vor, so wurde Nr.5a um 1880 von Nr.5 abgetrennt, Nr.28 um 1800 von Nr.4. Zusammengelegt wurden die um 1800 noch getrennten, benachbarten Höfe Nr.7 und 9 (Dietrich), sowie Nr.17 zu Nr.1; noch 1873 wohnten dort Lindners, 1880 bestand nur noch Scheune mit Kuhstall. Verschwunden ist auch das kleine Gemeindehaus, das seinen Platz auf dem Dreieck gegenüber Karl Schmidt gehabt hatte. Heute ist unser Dorf an Größe und Einwohnerzahl von allen Nachbargemeinden überholt worden.

5. Der Oppach

Vor 1000 Jahren bedeckten Wald und Bruch weithin und vollständig das Gelände der heutigen Gemarkungen Würdenhain und Reichenhain. Nur Prieschka besaß damals schon eine kleine offene Flur für die dortige Sorbensiedlung. Die Burgherren von Würdenhain riefen dann deutsche Bauern in ihre Einsamkeit und überwiesen ihnen die Randteile des großen Waldgebietes zur Rodung. Der große Rest des Waldes blieb Zubehör des Schlosses und wird als solches 1445 erwähnt mit dem Namen "Opack, der Eichwald". Noch immer reichte er bis an die Zäune der Dörfer Würdenhain und Reichenhain, das an drei Selten von ihm umfaßt wurde. Bei uns dehnte er sich bis zu der Linie Teichwiese - Reichenhainer Weg - Pfaffenweg aus. Im Osten stieß er an die Röder, im Westen an die Prieschkaer Lachenhufen und den Kliebingwald. Er mag nun noch etwa 1700 Morgen groß, 3 km lang und 2 km breit gewesen sein.
Der Sinn des Namens Oppach ist dunkel, eine einleuchtende Worterklärung hat sich noch nicht finden lassen. Flurnamen wie "Lange Kiefern" "Eichgarten", "Försterfeld" erinnern noch an die Waldzeit, "Fischhorst" an die fischreichen Lachen und Sümpfe. Heute wird Heu bereitet, wo sich Schwärme von Stockenten im "Ententümpel" tummelten und wo Hirsche zur "Hirschlecke" zogen. Heute trillern Feldlerchen, wo man den Wölfen mit "Wolfsgruben" beizukommen versuchte und wo es nachts in den Weiden irrlichterte. Heute gehen wir zur Kartoffelkäfersuche, wo Wildschweine den Waldboden nach Eicheln durchschnüffelten und wohl auch in die Felder und Gärten der Bauern einbrachen. 1675 war der Wildschaden besonders groß. 1584 war ein besonderer Hirschjäger angestellt, den aber die Bauern bezahlen mußten. Die "Storchlache" bei Prieschka (wo es spuken soll) und die Oppachwiesen waren ein Paradies für die zahlreichen Störche, die u. a. auf den Scheunen von Nr. 2 und 7 und der Pfarre nisteten. Auf der "Schosserwiese" gewann der Mühlberger Amtmann das Rauhfutter für die Pferde fürstlicher Gäste. Der Oppach war ein kleiner Ziegram oder Schraden.
Im Jahre 1637 kamen die plündernden und sengenden Scharen des in Torgau lagernden schwedischen Generals Baner durch den Oppach gezogen. Wie alte Akten berichten, ist bei dem allgemeinen Landverderben insonderheit Dorf Reichenhain "verderbet". In diesen bösen, feindlichen Zeiten ist alles "verjaget, verderbet, versehret, verzehret worden, daß niemand auf dem Lande einen Bissen Brot, das Hemd auf dem Leibe behalten hat, die Gebäude fast alle in Rauch aufgegangen, die Felder mit Holz bestanden sind, das Vieh gestorben ist". - Als 1680 in Würdenhain der schwarze Tod hauste, sind viele Opfer der Pest "im Eichwald" beerdigt worden, wie das alte Kirchenbuch berichtete.
Das Amtserbbuch aus dem 16. Jahrhundert beschreibt den Eichwald wie folgt: "Ein Holz, der Oppach genannt, hat den mehreren Teil Eichen und Erlen und einen nassen Boden. Es dürfen die Einwohner zu Oschätzchen, Prieschka, Werden und Reichenhain mit ihrem Rindvieh die Hutung haben. In der Mastzeit aber müssen sie sich deren enthalten, und so sie die Mast gebrauchen wollen, solche um Hafer oder Geld mieten, und wird denen zu Würdenhain 1 Schwein frei zu gehen gelassen, die anderen aber müssen sie gleich den anderen Dorfschaften verrechnen. Sie müssen sich auch vor und in der Jagdzeit der Hutung darinnen enthalten; und wird der Mästung halber des Ortes kein Holz verkauft, als das oberständige Erlenholz und wandelbare Eichen, und haben die Einwohner der 4 Dörfer das dürre, faule Holz zu lesen, dürfen aber kein Waffen (d.h. Axt oder Säge) mit dareinnehmen." - über die Eichelmast für die Schweine und die "Hutung" wie auch das Leseholz kam es mehrfach zu Meinungsverschiedenheiten, so etwa 1564 oder 1572, als die Prieschkaer Windbrüche abgeschlagen hatten.
Wir lesen 1550 ferner: "Auf den Oppachwiesen müssen die von Werdenhain das abgehauene Gras wenden, dörren, schobern und bewegen bei eigener Kost". Das Abhauen hatten die zu Reichenhain mit 13 Sensen besorgt. Die von Reichenhain und Prieschka mußten die durchschnittlich 36 Fronfuder Heu und Grummet nach Mühlberg aufs Amt fahren.
Mehr und mehr wurden Holzblößen und Horste verpachtet als sogenannte Laßwiesen. So 1580 die Teichwiese an den Pfarrer, der auch noch ein Hörstchen hatte, 1628 ein Wiesenfleck an Reichardt (dort steht jetzt Haus Nr. 36), 1660 eine Röderwiese an das Gut Prieschka, 1768 die sog. Krautgärten (am Reichenhainer Weg hinter Nr. 29). Letztere Holzblöße sollte als Gemeindepflanzengarten zur Anzucht der jährlichen Kraut- und anderen Pflanzen auf einzelnen Beeten dienen. 1763 wurde der seltsam benannte Milchberg auf mehrere Jahre zur Besämung mit Getreide überlassen, um den Holzanflug zu befördern, da der Holzsamen bisher im Moos keine Wurzeln geschlagen hatte. Der Waldwuchs war sich anscheinend noch ganz selbst überlassen. Das Amt berichtet: "überhaupt erfordert die Beschaffenheit des Oppach unumgänglich, daß das Holz soviel als möglich wieder zum Anfluge gebracht werde." Als 1833 der gesamte Oppach zwecks Separation vermessen wurde, hatten sich die Randgebiete schon weitgehend in Acker und Wiese verwandelt. Auch 1,38 ha Lehmgruben waren vorhanden. Nun wurden die Rechte der anliegenden Dörfer (Saathain gehörte nicht dazu) zur Hutung, Graserei, Fischerei, Entnahme von Raff- und Leseholz, Lehm, Sand und Kies durch große Komplexe abgefunden, die mit schnurgeraden Grenzen abgetrennt waren; die neuen Grenzen der genannten 4 Dörfer hatten sich gebildet. Prieschka erhielt allein 276 Morgen, davon 59 Morgen das Rittergut. Die Würdenhainer haben auf ihrem etwa gleichgroßen Abfindungsstück 1852 die gemeinschaftliche Nutzung aufgehoben und u. a. den 23 Morgen großen Rinderplatz angelegt, auf dem jeder Hüfner mit 4 Stück Rind auftreiben konnte. Auch die Bullenhaltung wurde genossenschaftlich geregelt und 2 Bullenwiesen eingeteilt. In der Separation wurden diese Einrichtungen wieder aufgelöst.
Der Rest des Oppach bestand nach 1833 weiter als Kgl. Forstbezirk bis etwa 1912, als ihn das Rittergut Saathain gegen aufgekaufte Bauernwälder in Züllsdorf eintauschte. Der letzte Revierförster soll in Prieschka gewohnt haben. Schon 1545 hatte es in Würdenhain einen Jäger (Förster) gegeben, meist aber wohnten die Förster in Reichenhain in dem dortigen Jägerhaus (so 1783 und 1826). Die Bodenreform vom 1.1.1946 teilte den an Saathain getauschten Rest des alten Oppach an die Bauern der umliegenden Dörfer aus, wobei etwa 150 Morgen an Würdenhain fielen. Damit hat der Wachstumsprozeß unserer Gemarkung seine natürlichen Grenzen erreicht. Ein Flurbezirk, der ursprünglich den Kern der alten Herrschaft Würdenhain bildete, ist nunmehr endgültig in die Nutzung der zu eben dieser Herrschaft gehörigen Bauerndörfer übergegangen. Er ist jetzt völlig entwaldet, während die alte Hufenflur zwischen Würdenhain und Prieschka z. T. mit Kiefern aufgeforstet worden ist.

6. Die Kirche

Sie ist das älteste aller heute im Orte stehenden Gebäude. Im Mittelalter war sie der Heiligen Katharina geweiht. Wenn die Steine ihrer alten Mauern reden könnten, so würden sie uns über Freud und Leid aus mindestens 5 Jahrhunderten berichten können, vielleicht sogar noch aus älterer Zeit. Es darf angenommen werden, daß ihre Steine aus der Ruine des im Jahre 1442 zerstörten Schlosses stammen. Somit wäre als Bauzeit für das noch stehende Schiff der Kirche die Zeit um 1450 zu vermuten. Dazu würden auch die gotischen Formen der Sakristeitür und der ehemaligen Fenster (1973 aufgebrochen) passen.
Nachtrag aus Teil II zum Kirchenbau:
Daß die Kirche Würdenhain tatsächlich unter Verwendung von Schloßtrümmern erbaut wurde, konnte bisher nur aus der Beschwerdeschrift der Bauern von 1564 geschlossen werden, kann aber nun aus der Mühlberger Amtsrechnung von 1570 bewiesen werden (LHA Magdeb. Rep. D Mühlb. A V Nr. 1c). Ihr ist eine Würdenhainer Kirchenrechnung beigeheftet. Zum Bau des Kirchturmes, der 1577 beendet wurde, sind Steine herbeigeschafft worden, so für 36 Groschen Backsteine aus Glaubitz bei Riesa im Jahre 1570. 28 Groschen erhielten die Bauern der vier Dörfer für "Steine uffn Wahl aus der Erde schieben" und als Trinkgeld "von der Steinen vom Wahl uffn Kirchhof fahren". Im Jahre 1680 diente die alte Burgstätte als Pestfriedhof.

Freilich muß es vorher auch schon eine Kirche hier gegeben haben, mindestens seit der Anlegung des Dorfes in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Diese älteste Dorfkirche dürfte von einfacher Gestalt gewesen sein. Der romanische Taufstein wird noch aus ihr stammen und demnach der älteste erhaltene Teil unserer Kirche sein. Von etwa 1450 bis 1577 bestand die Kirche nur aus Schiff und alter Sakristei. Die Glocken aus den Jahren 1516 (die Katharina) und 1573 (aus Freiberg) lassen noch heute ihr Geläut ertönen. Die letztere mußte 1944 abgeliefert werden, kehrte jedoch glücklicherweise 1950 an ihren alten Platz zurück. Die große Glocke ist eine Stiftung des Ritters Hans Birke v. d. Duba in Mühlberg, dessen Wappen sie trägt, und der auch zum Neubau der Neustädter Kirche in Mühlberg zwischen 1487 und 1520 unentgeltlich Steine aus Klingenhain lieferte. 1575 gab es noch 2 weitere kleine Glocken von 1 1/2 und 1/2 Ztr., vielleicht waren das die ältesten Glocken. 1762 standen sie zersprungen in der Sakristei, und 1820 wurden sie für 54 Taler verkauft an die Gemeinde Domsdorf. Anfangs war für diese Glocken noch kein Glockenturm vorhanden, sie haben vermutlich auf einem hölzernen Glockenstuhl gehangen.
Der Turm wurde, wie ein Stein beweist, im Jahre 1577 (unter Verwendung von Schloßtrümmern) angebaut. Der Unterteil diente als Torraum, darüber befand sich die geräumige Glockenstube, von deren vielen kleinen Fenstern nur noch zwei offen sind. Im Jahre 1747 erfuhr der Turm während der Amtszeit des aus Würdenhain gebürtigen Pfarrers Pöschel eine Erhöhung, wobei der Unterteil mit zum Schiff genommen wurde, wie es noch heute ist. Dieser Bau kostete 500 Taler, mit denen vor allem der Kalk beschafft wurde. Das sonstige Material fand man wohl z. T. wiederum auf dem Schloßwall.
Nachtrag vom 13.11.1972:
Durch einen Orkan wurden Füllungen aus dem Oberteil des Turmes herausgerissen. Die Turmzwiebel und das Turmoberteil wurden am 9./10. 12. 1972 abgerissen (s. a. Teil II).
1762 gab es die neue Sakristei, an der sich aber eine ältere Tür mit der Inschrift A.P.G. 1699 befindet. 1765 fügte sich ein Betstübchen mit Sitz für die Prieschkaer Gutsherrschaft an, das bis 1935 stand. Seit 1825 bewegt sich auf der Turmspitze die Windfahne, die für 5 Taler in Haida gefertigt worden ist und als Würdenhainer Wappentier den Hahn aufweist (wie in vielen anderen Orten mit der Endung -hain). 1891 bekamen die beiden Glocken eine neue Schwester, die jedoch 1917 der Krieg holte.
Die erste Orgel ist anscheinend 1771 eingebaut worden, denn seitdem erhielt der Küster seine Gebühr für das "Orgelschlagen". 1885 und 1926 wurden Umbauten an der Orgel durchgeführt.
Der Flügelaltar, ein besonderes Kleinod unserer Kirche aus vorreformatorischer Zeit, stand ursprünglich getrennt auf zwei verschiedenen Altären. Erst seit 1709 stehen die beiden Teile in der jetzigen Anordnung. In der Fastenzeit wurden die Flügel zugeklappt. Vermutlich stammt dieses Altarwerk aus der Werkstatt des Bildschnitzers Pankratius Grueber, der um 1520 in Großenhain arbeitete.
Nachtrag aus Teil II: Grabstätten in der Kirche zu Würdenhain

  • 1696 Anna Maria von Weißbachin geb. von Roschützin, eine alte Wittib, entschlafen 5. März zu Prieschka, wo sie sich auf dem sog. Forsthaus bei der Familie von Kirchbach aufhielt, beigesetzt allhier in der Kirche vor den Kanzelbänken (lt. Kirchenbuch).
  • 1724 Andreas Gottfried von Kirchbach, Obristleutnant und Besitzer des Freigutes Prieschka, wurde beigesetzt im Mittelgang vorn vor den Hauckeschen Grüften. - 1957 hatte sich hier das Pflaster gesenkt. Diese Gruft war etwa 1 m tief, die Wände geweißt, die Decke gewölbt mit Ziegeln aus Lehm.
  • 1768 Johanne Eleonore Hauckin, seit 1753 die zweite Frau des Pfarrers Haucke
  • 1776 Karl Gottlob Haucke, geb. 1719 in Freiberg, Pfarrer hier 1755 bis 1776, beide Hauckes beigesetzt im Mittelgang unter Steinplatten, ein gemeinsames Epitaph an der Kirchenwand.
  • 1770 Frau Friederike Eleonore Luise Vitzthum von Eckstädt zu Prieschka geb. Willmsdorf, beigesetzt unter dem Betstübchen, das 1760 zunächst in Fachwerk, dann 1770 in Stein an der Nordostecke der Kirche angebaut und 1935 abgebrochen worden ist.
  • 1691 Friedrich Siebert, kurf. Oberforst- und Wildmeister und erster Besitzer des Freigutes Prieschka, begraben unter der südlichen Kirchentür. Sein sehr schönes Grabmal wurde 1948 bei der Dachneudeckung beschädigt und später umgelegt.
  • Der Kirchhof diente als Friedhof auch für die Nachbardörfer. Seitdem 1874 der jetzige Friedhof angelegt worden ist, wird er nicht mehr benutzt.
    Die Pfarre hatte bei Gründung des Dorfes einen Hufenanteil an der Gemarkung erhalten und besitzt ihn noch heute, nach der Separation, in Größe von 16,41 ha. Eingeschlossen ist die 1444 als Geschenk vom Schloß Mühlberg erhaltene Hofwiese. Die Teichwiese war auf ein Gesuch von 1580 hinzugekommen. Damals wurde sie beschrieben als "ein niedriger, sumpfiger Raum hinter dem Pfarrgehöft an dem Röderstrom gelegen, öde und unerbaut, kann aber durch fleißige Hausväter mit Ausfällen angerichtet werden". Von den Pfarrern aus älterer Zeit taucht 1348 ein Pfarrer Sachse in einer nicht mehr aufzufindenden Urkunde aus Mühlberg als Zeuge auf. Diese Tatsache ist insofern von Bedeutung, als keine ältere Urkunde erhalten blieb, in der unser Ort erwähnt ist. Der letzte katholische Ortspfarrer Thomas Bantzer, gebürtig aus der Prieschkaer Mühle, entsagte 1541 dem Amte, weil er nicht zum protestantischen Glauben übertreten wollte, und baute sich ein Häuslein auf das Pfarrgut. Dabei hat es sich wahrscheinlich um das Haus Dorfsr.1 gehandelt. Himmelfahrt 1541 wurde der erste lutherische Pfarrer Köhler ordiniert, dem sein Sohn, sein Enkel und Urenkel im Amte folgten bis 1654, gewiß ein seltener Fall. Der Pfarrer Otto Köhler war 1575 verdächtigt worden, dem Calvinismus anzuhängen. Insgesamt haben wir in Würdenhain bisher 25 lutherische Pfarrer gehabt.
    Zum Kirchspiel Würdenhain gehörten ursprünglich auch die zum hiesigen Herrschaftsbezirk gerechneten Dörfer Kröbeln und Kosilenzien, wurden dann aber ausgepfarrt. Oschätzchen erbaute sich 1686 eine eigene Kirche, die 1909 durch einen Neubau ersetzt wurde. Die ganze Parochie umfaßte 1819 nur 700 Seelen. Sehr zu bedauern ist der Verlust des alten Kirchenbuches mit den eingetragenen Taufen, Trauungen und Beerdigungen der Jahre 1655 bis 1812. Im Saathainer Schloß, wo man sie am sichersten aufgehoben glaubte, wurden sie ein Opfer des letzten Krieges. Die Kirche selbst erlitt 1945 durch Beschuß einige Schäden an Turm und Dach.

    7. Die Schule

    Die Anfänge des Landschulwesens wurden in unseren Gebieten, wie allgemein anerkannt wird, durch die Reformation begünstigt. Einmal wöchentlich hielt der Küster die "Kinderlehre" ab. Diese religiöse Unterweisung fand dann eine Erweiterung durch Lesen, Schreiben und Singen, später auch Rechnen. Das geschah zunächst im Pfarrort, später auch im Filialdorf Oschätzchen. Erstmals wird bei uns 1598 etwas über Unterricht und Schule vermeldet.
    Der Küster erhielt für diesen Dienst eine ziemlich kümmerliche Besoldung, die meist in Naturalien gegeben wurde. Sie bestand 1575 aus 14 1/2 Scheffel Roggen, 48 Broten, 106 Eiern und 17 Groschen. 300 Jahre später (1856): 189 Taler und weitere 171 Taler in Naturalien. Seine Amtsbezeichnung war Custos, seit 1600 Kirchschreiber, seit 1675 Schulmeister oder Schuldiener, seit 1815 Schullehrer. Seine Hauptaufgabe bestand noch immer im Kirchendienst als Kantor, Organist (seit 1771), Glöckner und Kirchner. Die Dienstaufsicht übten der Ortsschulinspektor (Pfarrer) und der Kreisschulinspektor (Superintendent) aus. Nachdem schon die fortschrittlichen Bestrebungen des Jahres 1848 eine von der Kirche unabhängige eigene Staatsschule gefordert hatten, wurde im Jahr 1918 überall die geistliche Schulaufsicht aufgehoben. Der Kirchendienst wurde vom Schuldienst getrennt und 1932 der Küstereibesitz aufgeteilt. Der Schulverband erhielt das Schulgrundstück mit Schule, während die sog. Schulfelder an die Kirche übergingen.
    Neben Schul- und Kirchendienst war anfangs auch noch die Ausübung eines G e w e r b e s zum Lebensunterhalt nötig. So unterrichtete 1598 ein Schneider Martinus Thymig und dann wieder ein Weber, die ihr Gewerbe auch während des Unterrichtes ausübten, wie sich aus folgendem Bescheid ergibt: "Schließlich ist zu erachten, daß die beiden Wirkstühle in der Schule die Stube enge machen, der Kinder Information verhindern, also daß der Schulmeister einen Stuhl abschaffen und, solange die Kinder in der Schule sind, nicht wirken soll." In späterer Zeit trat an Stelle eines Handwerkes landwirtschaftliche Tätigkeit, soweit die Stelleneinkünfte in Grundstücken bestanden. Unter solchen Umständen dürfen wir uns keine zu großen Vorstellungen von der Qualität des Unterrichtes machen, zumal es um die Bildung der Lehrkräfte selbst schlecht bestellt war.
    Die Regierungen hielten meistens eine Schulbildung für den Bauernstand für überflüssig, wenn nicht gar schädlich. Der Schulbesuch war nicht verbindlich, sondern "willkürlich", und zuerst wurden die Kinder zur Arbeit verwendet. 1617 heißt es: "Der Küster hält fleißig Schule - wenn die Kinder dazu kommen!" Und 1675 berichtet der Schulmeister: "Die Schule ist im Sommer ganz wüst und leer, letzten Winter kamen 10 Kinder." Erst 1805 führte ein Mandat in Sachsen den allgemeinen Schulzwang ein. Die Mädchen waren vorher überhaupt nicht zur Schule geschickt worden, und viele Frauen mußten sich statt einer Unterschrift mit "xxx" behelfen. Von den Bauern konnten 1811 in Würdenhain alle schreiben.
    Armselig sah es um die Schulgebäude aus, dürftig war die Einrichtung. 1540 ist die Behausung des Custos baufällig. 1598 beklagt sich der Küster Thymig bei einer Visitation, daß sein Haus sehr niedrig und ohne Feuermauer sei, der Rauch könne nirgends heraus und verderbe ihm alle Geräte und Bücher, überhaupt sei das Einheizen sehr gefährlich. 1602: "Zu Kirch- und Schulbauten sind die Leute jetziger Zeit überall schwer und unwillig und tuns unseren Vorfahren leider nicht nach" (die 1577 den Kirchturm angebaut hatten). Die Einrichtung bestand 1762 aus: 1 Tisch, 2 Bänken, 2 Notentafeln. 1824 aus 2 Tischen, 2 angenagelten und 2 beweglichen Bänken, 1856 aus 3 Schultischen, 6 Bänken, Tisch und Stuhl, Schrank und Wandtafeln. Die alte Schule stand, wie mir 1939 Vater Milde beschrieb, an der jetzigen Stelle, jedoch mit dem Giebel zur Straße, das Dach war mit Stroh gedeckt. Unten befand sich die Schulstube, darüber die Wohnung. Weder Schulraum noch Wohnung waren geräumig genug, heißt es in einem Bericht, dabei zählte man 111 Schulkinder! Für alle gab es nur 1 Appartement (Abort). Es wurde also Zeit zu einem Neubau. Er erfolgte und kostete 3500.- Mark. Die Nebengebäude wurden 1880 für 2800.- Mark errichtet. Die Lehrer, die in dem jetzigen Schulhause amtierten, sind den älteren Einwohnern bekannt: Kilian 1869 - 1891, Schwerdtfeger 1891 - 1894, Brundisch 1895 - 1929, Werner 1929 - 1938. Von den vielen namentlich bekannten älteren Lehrern (seit 1588 hatten wir hier 20 Lehrer) sei der Schulmeister Christoph Voigt rühmlich genannt, der sich 1680 bei der Pestepidemie, die ihm selbst 2 Kinder hinwegraffte, mit mutiger und selbstloser Hilfe bei den Pestkranken sehr verdient gemacht hat. In seinen alten Tagen aber kam er so in Not, daß er ein Darlehen aufnehmen mußte. Eine Altersversorgung gab es ja noch nicht. Sobald ein alter Lehrer seinen Dienst nicht mehr oder nur noch teilweise ausüben konnte, mußte er seine geringe Besoldung mit einem Gehilfen teilen. Gelobt wurde auch Christoph Naumburger aus Stolzenhain, der hier von 1752 - 1774, wie es heißt, "seiner Schule unvergleichlich vorgestanden hat".
    Würdenhain war zunächst der Schulort für das ganze Kirchspiel. Zuerst hielt sich Oschätzchen einen eigenen Kinderlehrer (seit etwa 1675), danach Reichenhain im Jahre 1829. Dort aber war das erste Schulhaus (es steht jetzt am Ortsausgang als Ruine) so klein, daß das Bett des Lehrers im Schulzimmer stehen mußte, und bis 1845 bestand dort der Reihetisch, d.h. die Bauern gaben reihum die Kost. 1861 wurde das jetzige Schulhaus erbaut. Prieschka wurde 1898 ausgeschult und weihte 1902 sein Schulhaus ein. Die Schule Haida wurde 1912 fertiggestellt. Weitblickende Männer beließen aber Haida von Anfang an im alten Schulverband mit Würdenhain, so daß das Schulkombinat Haida-Würdenhain das älteste im Kreisgebiet sein dürfte. Heute gehören auch die anderen genannten Schulen zu leistungsfähigen Kombinaten. Durch die übrigen Maßnahmen unserer Regierung - zu der weitgehenden Trennung der Jahrgänge kamen Senkung der Klassenfrequenz, Vermehrung der Lehrerstellen und Ausstattung mit modernen Lehrmitteln - konnte der Unterricht wesentlich verbessert werden. Unsere Landschulen sind auf einen Leistungsstand gehoben worden, der es ihnen ermöglicht, nach dem gleichen Lehrplan zu arbeiten wie die Stadtschulen und auch unseren Dorfkindern eine hohe, moderne Schulbildung zu geben.

    8. Die Bauern und ihre Lasten

    Es ist schwer, die Reihe der Besitzer unserer Bauernhöfe durch die Jahrhunderte zu verfolgen, zumal uns nun das alte Kirchenbuch für immer verloren ist. Im Staatsarchiv Magdeburg werden sich noch Protokolle von Hofvererbungen auffinden lassen. Aus den für verschiedene Jahre vorliegenden Bauernlisten allein ist das nicht durchführbar. Die Namen wechselten. Die älteste Liste von 1550 nennt uns folgende Namen: Breunig, Reichardt, Schaff, Peschel, Krengel, Platz, Wilhelm, Richter 2 mal, Lehmann, Koschka, Jost, Schuster, Roth, Tham, Hober und Ruschke. Einige andere Namen tauchen 1564, 1575, 1589, 1617 und 1654 auf. 1675 lesen wir: Breunig, Reichardt 2 mal, Olber, Radestock, Krengel, Platz, Heinze, Hentschel, Peschel, Schuster, Jost 2mal, Zschierigen, Thiemig 2mal, Zschauch, Kube und Schumann. Lange Zeiträume hindurch am Leben waren die Namen Breunig in Nr.1, Jost in Nr.5 und Reichardt in Nr.10.
    1550 waren es 17 Höfe, 1590 aber deren 20 mit 13 1/2 Hufen. Die Einwohnerzahl war 1802: 117, sie stieg 1939 auf 162 und heute durch Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten auf etwa 250.
    Die Häuser standen alle mit dem Giebel zur Dorfstraße, die seit 1897 gepflastert ist. Das alte Blockwerkhaus von Nr. 5 zeigt uns noch die Bauweise und Einrichtung der alten Bauernhäuser, wenn man sich noch das Strohdach hinzudenkt. Der Spruch im Querbalken der Giebelwand ist leider nicht mehr zu entziffern. Die übrigen heutigen Gebäude sind noch keine 100 Jahre alt, die Kirche und einige Scheunen ausgenommen.
    Die Lasten der Bauern bestanden in Diensten und Abgaben an die Herrschaft und den Landesherrn, sowie dem Zehnten an Kirche und Schule. Letzterer bestand in Getreide, Eiern, Broten und Geld. über die Ablösung der Herrschaftsdienste konnte noch nichts aufgefunden werden. Da waren zunächst die Baudienste am hiesigen Schloß, danach (schon 1442) Dämme bauen und Holzfuhren zum Schloß Liebenwerda, um 1550 Baudienste zum Neuaufbau des Schlosses Mühlberg, um 1575 Fuhren zum Bau des Schlosses Annaburg, vor allem aber Baudienste für Kirche, Pfarre und Schule. Die Fahrdienste außerhalb des Ortes wurden 1615 abgelöst in Hufengeld, - eine vorteilhafte Maßnahme -, Würdenhain brauchte je Hufe nur einen Gulden jährlich zu entrichten, da es zu den Hinterdörfern gehörte, "so nur geringe Güterlein haben", wie wir lesen können.
    Von den Handdiensten wurde an anderer Stelle schon genannt: Gras und Grummet auf der Oppachwiese wenden, dörren, schobern und bewegen. Ferner galt es, im herrschaftlichen Hopfengarten zu arbeiten, der zwischen Reichardts Gartengut (Nr.10) und den Wassern lag, aber seit etwa 1600 nicht mehr zum Hopfenbau verwendet wurde. Es galt, diesen Plan zu graben und Mist darauf zu tragen, den Hopfen abzunehmen und zu pflücken, wobei die Reichenhainer zu helfen und die Haidaer die Hopfenstangen zu besorgen hatten. Zum Glück konnten auch diese Dienste in Geld umgewandelt werden, als die Hoppegärten 1559 verpachtet bzw. vererbt wurden. Sie gehörten dann zu Nr. 10.
    Würdenhainer hatten weiterhin alles gespaltene Holz zu lagern, an welchem Orte es auch liege, z.B. im Ziegram. über diese Dienste kam es 1744 zu Meinungsverschiedenheiten. Auch im Vorwerk Langenrieth waren unsere Bauern zu dienen pflichtig. Im Vorwerk Borschütz hatten sie bei Bedarf die Gebäude mit Lehm zu verkleben, wobei sie aber Suppe, Zugemüse und Braunbier bekamen. Bei Jagden mußte das ganze Dorf mitwirken, im Jahre 1575 allein 4 mal bei Wolfsjagden auf der Liebenwerdaer Heide. Bei einer Jagd auf dieser Heide hatten Würdenhain und seine Nachbardörfer je 2 Nachbarn zu Hause gelassen, die gerade die Schweine- und Rinderzeche (Hütung) hatten. Gleich nahm sie der Amtsschösser in Strafe, worüber sie dann 1614 eine Eingabe machten und um Einsehen baten.
    Neben den Diensten waren seit altersher Geldabgaben zu leisten, vor allem Erbzins, Laßzins für Pachtstücke, Fischereizins, dann die obigen Ablösungen, dazu Land- und Türkensteuern und sonstige Sonderabgaben. Außer Geld waren auch Getreide und Hühner zu liefern. Wenn im Jahre 1687 selbst der Amtmann unsere Felder als überaus elend und gering bezeichnet, können wir uns vorstellen, daß die Aufbringung der Abgaben oft sehr, sehr schwere Sorgen bereitet haben mag.

    9. Von Elster und Röder

    Beide Flüsse haben dem Dorf, das halbinselartig von ihnen umflossen wird, schon manches Gute, aber auch Schlimmes gebracht. Jetzt sind sie reguliert und laufen nicht mehr in ihrem alten Bett. Vor 100 Jahren floß die Elster noch im selbstgebildeten Bett. Sie schlängelte sich vom Saathainer Schloß her an unserer Schloßwiese und Burgstätte vorbei, nahm hinter Heelemanns Garten die Röder auf und floß dann hinter der Schule am Dorf vorbei nach Prieschka zu in dem Bett, das wir als Alte Röder bezeichnen, das aber mit mehr Berechtigung Alte Elster heißen müßte und auch so geheißen hat. Entlang dieser Linie verläuft die Flurgrenze mit Haida. Die Einmündung der Röder hat in alter Zeit vielleicht weiter östlich gelegen, hinter der Schloßwiese an der Saathainer Grenze. Bei Hochwasser überschwemmten unsere Flüsse weithin das Gelände, bildeten auch viele Nebenarme und sog. Lachen.
    Von Einfluß auf den Wasserstand war auch der Mühlenbetrieb in Prieschka, wo sich seit alten Zeiten das Mühlrad drehte, dann aber von etwa 1600 bis 1617 stillstand. Die Mühle lag "wüst" und ging wegen Verschuldung in kurfürstlichen Besitz über als Kammergut, unser Pfarrer beklagte sich 1617, daß ihm seine Pfarrwiese bei Prieschka bei Anrichtung der neuen kurfürstlichen Mühle auf 28 Ruten Länge (170 m) und 6 Ruten Breite (23 m) durchgraben und der Elsterstrom mitten hindurch geleitet worden ist, weshalb ihm als Entschädigung dann die anstoßende Bruchwiese überlassen worden ist. Der noch jetzt vorhandene, aber unbenutzte Mühlstrom hatte den Wasserlauf höher gefaßt, was sich bis nach Würdenhain ausgewirkt haben muß. Jedenfalls beklagt sich der Bauer Peter Reichardt (Nr.10) 1628, daß ihm ein Acker jährlich ersäuft, seitdem die Prieschkaer Mahl- und Schneidemühle von neuem erbaut worden und das Wasser im vollen Lauf ist. Er erhielt übrigens darauf als Entschädigung die Wiese zwischen Teichwiese und Hof Nr.10.
    Das neue, heutige Elsterbett baute man 1852/53, zuerst von Plessa bis Liebenwerda und dann weiter. 1100 Arbeiter verdienten bei 8-12-stündiger Arbeitszeit im Akkord täglich 12-13 Silbergroschen. Die Röder wurde in das alte Elsterbett geleitet bis zu ihrer neuen Mündung bei Prieschka. Später wurde auch die Röder reguliert (1916 durch Kriegsgefangene) und oberhalb des Dorfes in die Elster geleitet.

    Nachtrag: 1971/72 Röderdämme nach außen gerückt, verbreitert und erhöht

    Die Elster konnte nur an einer Furt durchfahren werden. Schon 1675 erscheint der Flurname "an der Kahnfähre" für zwei Pfarrfelder an der alten Elster; auch in Haida soll es den Flurnamen "Fähren" geben. Die Schulkinder wurden in einem Kahn übergesetzt, bis um 1883 ein Holzsteg gebaut wurde. Die moderne Steinbrücke erstand dann 1906/07 im Zuge des Straßenbaues Haida-Würdenhain. Sie hielt jedem Hochwasser stand und hätte noch Jahrhunderte überdauert, wäre sie nicht am 22. 4.45 ein Opfer des unseligen Krieges geworden. ähnlich sah die Saathainer Brücke aus; auch die Bogenbrücke über die Alte Röder gleich vor unserem Dorfe. Letztere hat 11 250.- Mark gekostet. Diese Brücken wurden nach ihrer Sprengung erst behelfsmäßig ersetzt, seit einigen Jahren (1950) haben wir solide Holzbrücken.
    Manches Hochwasser hat Würdenhain erlebt, so u.a. 1895, 1923, 1926 (Röderdammbruch), 1930 und 1946.
    Nachtrag (Lausitzer Rundschau v. 26.01.1968):
    Hochwasser
    Schwere Gewitter und Regengüsse hatten Mitte Juni 1926 zunächst bei der Pulsnitz ein solches Hochwasser verursacht, daß der Wasserspiegel über der Dammkrone lag und die gesamte Schradenniederung zu überfluten begann. Auch die Schwarze Elster und die Kleine Elster stiegen schnell an. Eine besondere Gefahr entstand durch die Röder in den Gemeinden Reichenhain, Stolzenhain und Saathain. Nächtelang kam die Einwohnerschaft hier nicht zur Ruhe. Alle Einwohner, vor allem Auszügler bis zu den Schulkindern, waren auf den durchweichten Dämmen der Röder damit beschäftigt, Sandsäcke aufzutürmen und die Dämme zu befestigen. Aber alle Mühen der bald übermüdeten Menschen waren vergeblich. Am Freitag, dem 18. Juni 1926 brach der Röderdamm bei Würdenhain, und ungeheure Wassermassen ergossen sich in das Dorf und überfluteten weithin die gesamte Ebene. In großer Hast räumten die Würdenhainer Einwohner ihre Wohnungen und schafften Hausrat und Vieh in die Gemeinde Haida. In dem riesigen überschwemmungsgebiet des Kreises wurden damals zwei Drittel der Ernte vernichtet. In Stolzenhain waren die Fundamente des Kirchturmes von dem Druckwasser so unterspült, daß der Turm im Jahre 1929 wegen Einsturzgefahr abgetragen und neu erbaut werden mußte.
    M. K. Fi.
    Der Fischfang stand in unseren Gewässern seit alters her in Blüte. Die Elsterfischerei von der Saathainer Grenze bis Prieschka war an unsere Bauern vergeben gegen Entrichtung eines Fischereizinses. Das Erbbuch von 1550 verlangt, daß die Fische und Krebse alle 8 Tage gegen Bezahlung dem Amt Mühlberg anzubieten sind. Außer Krebsen muß man Aale, Karauschen, Weißfische, Hechte, Welse und Peitzger gefangen haben. Die Fischerei in der unteren Röder hatte der Schenkwirt in Pacht, 1670 beschwert sich der Pfarrer, daß die Fischer unbefugt an der Hofewiese ihre Anfahrten machen, ihre Netze aufspannen und das Gras niedertreten. Der Richter Hans Krengell hätte dort einen Fischheller gegraben, wobei er der Pfarrerwiese Boden entnommen hatte, um den Wasserlauf damit zu verdammen, daß es nicht abschießen kann.
    Leider ist es mit dem Fischreichturm vorbei. Schon 1889 hat das Kreisblatt berichtet: "Die Bewohner der an der Röder gelegenen Ortschaften von Prieschka aufwärts bis nach Gröditz sind seit 2 Tagen durch ein großen Fischsterben in dem genannten Flusse in Aufregung versetzt. Der Fluß scheint dadurch infiziert zu sein, daß von der in Gröditz befindlichen Holzfaserfabrik Säuren oder dergl. in denselben abgeleitet worden sind." So ist es leider noch heute, und wir kennen wohl alle den übelduftenden, weißen Schaum in unseren Flüssen.
    Leider ist es mit dem Fischreichturm vorbei. Schon 1889 hat das Kreisblatt berichtet: "Die Bewohner der an der Röder gelegenen Ortschaften von Prieschka aufwärts bis nach Gröditz sind seit 2 Tagen durch ein großen Fischsterben in dem genannten Flusse in Aufregung versetzt. Der Fluß scheint dadurch infiziert zu sein, daß von der in Gröditz befindlichen Holzfaserfabrik Säuren oder dergl. in denselben abgeleitet worden sind." So ist es leider noch heute, und wir kennen wohl alle den übelduftenden, weißen Schaum in unseren Flüssen.

    10. In der Dorfschenke

    Als unser Dorf gegründet wurde, erhielt der Anführer der Bauern das erbliche Ortsrichteramt und siedelte sich dem Schloß so nahe als möglich an. Er erhielt auch das Schankrecht und wurde als Krüger oder Kretzschmar bezeichnet, und seit etwa 200 Jahren als Schenkwirt. Sogar das Braurecht bekam er. So war er 1550 berechtigt, 1/1 Gebräu zu 7 1/2 Faß aus 16 Scheffel Malz zu brauen. Die Gaststube und der kleine Saal befanden sich nebst Wohnung und Brauhaus auf dem jetzigen Grundstück Nr.32 (Noack). Die heutigen Räume einschl. Saal entstanden erst 1909. Jahrhunderte hindurch befand sich die Schenke im Besitz der Familie B r e u n i g, mindestens seit etwa 1470. Im Jahre 1746 geriet sie in Konkurs und ging käuflich über an die Frau v. Kirchbach (Rittergut Prieschka). Leicht hätte es sich ergeben können, daß sich dadurch auch in unserem Dorfe ein Rittergut entwickelt hätte. Aber die Kirchbachs verkauften wieder, und 1766 finden wir darin den Schenkwirt Helemann. Wie ging es nun in der Schenke zu? Als Sühne für bestimmte Vergehen mußte der übeltäter eine Tonne Bier an die Gemeinde ausgeben. So war diese Strafe z.B. 1575 für diejenigen ausgesetzt, die auf der Bruchwiese der Pfarre Vieh weideten. Getanzt wurde auch. 1398 heißt es: "Auf den Kretzscham des Kirchspiels werden unordentliche Tänze gehalten, wobei die jungen Burschen unverschämt in Hosen und Wams tanzen (also ohne Jacke) und die Mägde im Verdrehen schwenken, wobei die Kleider bis wie hoch aufspringen, und helfen dagegen keine Ermahnungen." Vielerorts wurden Tänze verboten außer bei Verlöbnis und Hochzeit. 1579: "Bei Hochzeiten wird mit Tanzen große Unordnung gehalten." Besonders beliebt, aber von der Obrigkeit bekämpft, waren die sog. Lobetänze. Das war die in katholischer Zeit am Tag des Kirchenheiligen gefeierte Kirmes, die im 15. Jahrhundert auf den heutigen Termin verlegt worden war, vom Volke aber noch lange Zeit in alter Weise weitergefeiert wurde. 1580 erschien eine kurfürstliche Verordnung gegen die Lobetänze, 1578 wird bei uns berichtet: "In Prieschka und Oschätzchen werden Lobetänze gehalten, dabei geschieht allerlei Leichtfertigkeit mit Verdrehen und sonst". 1617: "Der Krüger und Richter entheiligt den Sonntag, er gestattet etlichen, bis zur Mitternacht zu spielen, auch werden Tänze gehalten bis in sinkender Nacht". 1578: Drei aus der Gemeinde "machen den Pfarrer Köhler auf den Bierbänken übel aus". Die Bauern wiederum beklagen sich, er hätte sie von der Kanzel aus Diebe und Kirchenräuber gescholten, weil beim Bau des Kirchturms einige Tücher usw. weggekommen wären. Auch sonst "bewege er sich zu Zorn und mache die Leute übel aus". Wozu er bemerkt: Es wolle bei diesen wüsten, wilden Röderwäldlern nicht anders sein! 1617 gab es wieder anderen ärger: "Im Pfarrgarten kann man kein junges Bäumlein aufbringen, weil der Krüger Ziegenvieh hält, das täglich hereinkommt". Aber auch zu ernsten Dingen kam man im Krug zusammen. 1564 ging es lebhaft zu, als die Beschwerdeschrift an den Landesherren über seinen Mühlberger Amtmann aufgesetzt wurde. An anderer Stelle wird darüber näher berichtet werden (Punkt 11). Es ist anzunehmen, daß auch die Gerichtssitzungen hier abgehalten wurden, zu denen am Dingetag (Gerichtstag) alle Bauern aus Haida, Reichenhain, Prieschka und Oschätzchen hier erscheinen mußten, denn in Würdenhain befand sich der Dingestuhl für den ganzen Herrschaftsbezirk. Leider konnten bisher die Bücher, in denen die Verhandlungen festgehalten wurden, nicht festgestellt werden. Möglicherweise finden wir sie unter den in Magdeburg liegenden Mühlberger Gerichtsbüchern.

    11. Schwere Zeiten

    Das Leben unserer Würdenhainer Vorfahren war immer ausgefüllt mit schwerer Arbeit und mit Sorgen, und die Lebensverhältnisse waren sehr bescheiden. In manchen Zeiten aber kam außergewöhnliche Not durch Krieg, Seuchen, Teuerung, Feuer oder Hochwasser. Im Jahre 1564 wurden 10 unserer Bauern "verwahrlich eingenommen", d.h. verhaftet, worüber an anderer Stelle berichtet wird.
    Zu Kriegszügen hatte das Dorf 3 Fußknechte mit gehöriger Rüstung zur Heerfahrtsfolge zu stellen (Erbbuch 1550). So war es sicherlich bei den Zügen gegen die Hussiten in den Jahren 1421, 1426 und 1438. 1460 mußte das Amt Mühlberg 30 Mann aufbieten gegen Bayern. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete unser Dorf, wenn auch nicht so vollständig wie Haida und Reichenhain, noch 27 Jahre nach diesem Kriege lagen bei uns 2 kleinere Höfe wüst, d.h. unbewirtschaftet und verlassen. Möglicherweise sind sie eingegangen oder auch verlegt worden.
    Großes Leid brachte im Jahre 1680 die Pest und forderte furchtbare Opfer im Dorfe. Gegen den Schwarzen Tod gab es keine Hilfe. Die Stadt Mühlberg sperrte sich in diesem Jahre zur Sicherheit vollständig ab. Aus unseren damaligen 20 Höfen mit höchstens etwa 100 Einwohnern raffte sie 40 Todesopfer dahin. Peter Schuster (Nr.7) wurde in seinem Garten beerdigt, viele andere draußen im Oppach. Eine genaue Zahl konnte auch das Kirchenbuch nicht angeben. Der Bruder des Pastors Hoffmann hatte die pestilenzische Seuche aus Dresden mitgebracht, zuerst und am schwersten kam sie über das Pfarrhaus. Der Schulmeister Voigt half nach Kräften bei den Kranken und sorgte für die Beerdigung der Toten, unter denen sich 2 eigene Kinder befanden.
    Nachtrag:
    Im Oktober 1757 rückten in Würdenhain 500 Kroaten als kaiserliche Hilfsvölker gegen die Preußen ein und blieben hier drei Tage. Sie waren überaus bescheiden und zechten nur von ihrem eigenen Geld. Der Generalmajor war in der Pfarre eingemietet. (Hoffmann)
    Der Siebenjährige Krieg brachte 1759 schwere Requirierungen durch die Truppen Friedrichs II. Schwere Jahre kamen während und nach den beiden Weltkriegen. Möge uns ein dritter Weltkrieg erspart bleiben!
    Ein Viehsterben meldet der Pfarrer 1584, als ihm 3 Kühe gefallen sind.
    Ertrunken sind 1671 beim Baden in der Elster die einzige, siebenjährige Tochter der Witwe Jost (Nr.5) und 1676 an der Saathainer Mühle Hans Reichardt (Nr.10).
    Brände brachen mehrfach aus. 1787 verbrannte sogar der Kirchenkasten mit dem Kirchenvermögen im Hause des Kirchenvaters Thiemig. 1872 wütete das Feuer in den Höfen 4, 20 und 28. 1895 brannten die Scheunen Dietrich (13), Milde (11) und Peschel (9). 1897 brannte es in Heelemanns Auszugshaus und 1934 bei Dreißig (Nr. 27).
    Nachtrag (Lausitzer Rundschau v.25.11.1967):
    Würdenhain war 24 Jahre lang von Feuersbrünsten trotz seiner überwiegenden Strohdächer verschont geblieben, als am 3. Oktober 1895 die Strohscheune des Gärtners Heinrich Dietrich in Flammen stand. Durch dieses Feuer geriet das Dorf in höchste Gefahr, und trotz der Löscharbeiten zahlreicher hergeholter Spritzen brannten noch die Nachbarscheune des Gärtners Milde und das mit Stroh gedeckte Gehöft des Hüfners Pöschel nieder. Als sich in der Nacht ein starker Wind erhob, war die Gefahr für den Ort auf das höchste gestiegen. Zum Glück setzte ein heftiger Regen ein, der die Strohdächer durchnäßte. Dieser Umstand hat damals das Dorf Würdenhain vor einer schweren Brandkatastrophe bewahrt.
    M.K.Fi.
    Kartoffelkäfer belästigen uns seit 1950.

    12. Wie sich die Bauern gegen den Kurfürstl. Amtmann empörten

    Aus einem im Dresdner Archiv aufgefundenen Aktenstück erfahren wir, daß es wenige Jahrzehnte nach dem Bauernkrieg in Würdenhain zu einer Auflehnung unserer Bauern gegen die Obrigkeit gekommen ist, die einige Wellen geschlagen hat.
    Das war im Jahre 1564. Die Bauern von Würdenhain und den Nachbardörfern fühlten sich über Gebühr bedrückt durch Valtin Fuchs, den damaligen Verwalter des kurfürstlichen Amtes Mühlberg, und versammelten sich bei unserem Schenkwirt, der ja zugleich Erbrichter war. Dieser Richter Hans Breunig, der an sich dem Amtmann zu besonderem Gehorsam verpflichtet war, machte sich zum Wortführer der Bauern. Er war schon betagt und hatte den Erbrichterhof bereits vor 40 Jahren von seinem Vater übernommen. Jetzt hatte er persönlich die Bauern von Würdenhain und Haida zu sich geholt und nach Reichenhain und Prieschka Boten geschickt. Einen ehemaligen Schreiber mit Namen Urban Kopp hatte er bei sich in Herberge und Kost genommen, damit er die Bauern beraten und die Beschwerden zu Papier bringen sollte. Folgende Bauern waren der Aufforderung Breunigs gefolgt: Moritz Wilhelm, Urban Huschke, Ottmar Platz, August Schuster, Mebes Tham, Donat Krengel, Blasius Thiemig, Mebes Reichardt und Hans Jost. Von Haida war Hans Dietrich erschienen. In dieser Versammlung mag es heftig hergegangen sein. Die versammelten Bauern mußten sich darüber klar sein, daß sie aufrührerisch handelten. Sie setzten ihre Beschwerden in einem Schriftstück auf, das noch erhalten geblieben ist und die überschrift trägt "Die 10 Klageartikel der Dorfschaften Werdenhayn und Heide". Sie leiteten es über den Amtmann nach Dresden. Da sie aber dem Dienstweg wohl nicht trauten, schickten sie eine zweite Ausfertigung direkt an den Kurfürsten "zu seinen selbstigen Händen". Sie beschwerten sich u a. über Beeinträchtigung der Fischerei und der Forstnutzungsrechte, über geschmälerten Lohn beim Schloßbau in Mühlberg. Hier einige Punkte im Wortlaut:
    "Zum dritten haben wir frei gehabt, so viel Schweine als wir haben erziehen können, daß wir sie zum Opack das ganze Jahr wohl sie können haben gehen nicht gewehret, aber jetzund wenn Gott uns armen Leuten Schweinichen beschert, da müssen wir von einem Schwein 5 Groschen geben und 1/2 Groschen Schreibgeld, sonst will er uns armen Leuten kein Schwein neingehen lassen."
    "Zum siebenten haben wir ein gemeines Holz über Menschengedenken zu Nutz und Gebrauch gehabt, davon wir notdürftiglich Kirchen und Schulen, Pfarre, Wege und Stege dazu bedürftend erbauet, welches uns auch der Verwalter damit nichts zu schaffen zu haben verboten, bitten wir armen Leute auch ein gnädiglich Einsehen zu haben."
    "Weiter hat er mir armen Hans Breunig, Kretzschmar von Wirdenhayn, ein Fischwasser verboten, das mein Vater bei dem Gute bei 100 Jahren gehabt und ich es nun bei 40 Jahren gehabt, nun hat er es mir verboten bei 10 Gulden."
    Dresden ordnete daraufhin zunächst Nachforschungen nach den "Rehdelsführern" an, sah also das Vorgehen der Bauern auf alle Fälle als gefährlich und strafwürdig an. Der Amtmann nannte in seinem Bericht vom 12.Juni 1564 die obigen Bauern als Aufrührer. Er setzte hinzu: "Nun ist der Kretzschmar samt seinem Nachbarn und Hans Dieterich verwahrlich eingenommen (= verhaftet) worden, Urban Kopp aber, welcher erstmals in dies an Handel geschrieben und sie verführet, ist bishero nicht zu bekommen gewesen." Der Amtmann nennt auch jene Bauern, die sich nicht beteiligt hatten: Merten Hoberg, Clement Schuster, Caspar Peschel, Peter Peschel, Blasius Taschke und Georg Röber. Die in Haida bezeugten dem Amtmann meistens, daß sie von denen zu Würdenhain verführet worden seien, wollten sich aber mit dem Amte vertragen. Die Amtsschösser zu Liebenwerda und Schweinitz erhielten unter dem 29. Juni Befehl, als Kommissare eine Schiedsverhandlung zu führen und luden beide Parteien vor. Ob die 10 Bauern bis dahin in Haft geblieben sind und wo, läßt sich nicht erfahren. Der Schiedsspruch wurde am 1. August 1564 gehalten, wie sich aus einer späteren Klagesache ergibt. Bisher konnte er nicht gefunden werden. Er wird sich aber an den erhaltenen Untersuchungsbericht angelehnt haben. Darin bezeichnen die Amtsschösser die meisten Maßnahmen ihres Mühlberger Kollegen, der ja im Interesse des Landesfürsten handelte, als zu Recht bestehend.
    Nachtrag:
    Die Mühlberger Amtsrechnung von 1564 enthält als Einnahme unter "Strafen und Gerichtsbußen" 10 Schock der Richter (Hans Breunig), Donat Krengel und Brosius Ruschka aus Werdenhain, "weil sie die Gemeine dem Ampt zu Nachteil verhetzen und unwahre Supplikationen, nach Bericht der Churf. Commisare, an den Churfürst zu Sachsen vorgebracht, darum ihnen denn hochermeldeter mein gnädigster Herr auferlegt, endlich aber zu solcher Geldstrafe ihrem Vermögen nach aus Gnaden gelassen, und zwar der Richter als Capitanier dieser Verführung 5 Schock, Krengel 2, Tham und Ruschka je 1 ½ Schock."

    13. Dörfliches Leben

    In diesem Abschnitt sollen verschiedene kleinere Notizen Platz finden.
    Das Morgen- und Abendläuten soll als Betglocke gegen die Türken im Mittelalter aufgekommen sein.
    Als Hebamme fungierte in jedem Kirchspiel eine Wehemutter. 1675 wurde die unsrige durch den Pfarrer ihres Christentums wegen examiniert. 1768 war der Posten unbesetzt. Deshalb mußte das Amt ersucht werden, "daß eine Wehmutter gesetzt werde, weil bis dato in allen 5 Dörfern keine einzige Person sich hierzu von selbst begeben wollen, die gebärenden Mütter aber nebst ihren Leibesfrüchten allemal in großer Gefahr sind, wenn dergleichen Personen erst von ferneren Orten müssen geholet werden".
    Hochzeiten durften nicht an den Tagen von Mittwoch bis Freitag gehalten werden (bis 1700).
    In jener Zeit tauchen in den Kirchenrechnungen Strafgelder auf wegen Vergehen gegen das 6. Gebot; 1695 waren es deren gleich drei! ärger entstand an Grenzen und Zäunen wie heute. 1578 hielt ein Bauer zum ärger des Pfarrers ein sonderlich Loch im Zaune der Hofewiese, sein Vieh ein- und auszulassen.
    Hinten in den Gärten standen die Bienenhütten, deren es noch 8 im Jahre 1880 gab; die letzte steht wohl in Nr.5. Von Obstbäumen hören wir 1617 und 1762, als es im Pfarrgarten "Franzbäumchen" gab.
    Forstpflanzen werden in Haida seit 1886 gezogen.
    Kartoffeln wurden im Amt Mühlberg erstmalig 1712 gebaut, verbreiteten sich aber erst nach Jahrzehnten. Der Kaffee bürgerte sich in unserer Gegend um 1759 ein, Salz mußte in Mühlberg bezogen werden bei der dortigen Salzniederlage (1563); überhaupt war ja Mühlberg seit 1442 unser Amtsort. Grummet kam im 16. Jahrhundert auf.
    An Großvieh gab es 1802: 20 Pferde und 52 Rinder; in Haida werden 152 Schafe angegeben. Einen Schäfer und einen Hirten hatten wir 1856. Ein Spritzenhaus war 1880 da.
    Die Flurkarte wurde 1885 aufgenommen, ist aber seit 1945 verschwunden. Die Umlegung der Flur (Separation) erfolgte 1900. Die Pfarre hatte z.B. vorher 23, nachher 11 Grundstücke.
    Der Erbrichter waltete seines Amtes mit den beiden Schöppen bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, danach der Gemeindevorsteher. An Handwerkern finden wir nur einmal einen Schneider (Breunig 1719) und einen Schmied (Thiemig 1715, Georgi 1757). Ein Kaufladen bestand zuerst in Nr. 32, dann seit 1935 bei Klemm. Der Tischlereibetrieb Uthmann ist der erste seiner Art im Ort seit 1938.
    Während das Dorf noch immer fast rein landwirtschaftlichen Charakter hat, mehrte sich die Zahl der Arbeiter und Angestellten, die außerhalb ihren Erwerb finden. Die ersten Gröditzer Arbeiter wanderten zu Fuß in das Eisenwerk, wo 1818 der Schmelzofen und 1827 der Hochofen errichtet wurden, 1873 die neue Gießerei und 1884 die Stahlgießerei. Arbeit gab es ferner beim Bau der neuen Elster 1852 und der Eisenbahn 1873. Heute fahren viele Werktätige in die Industriebetriebe von Biehla, Elsterwerda, Liebenwerda und Lauchhammer.
    Elektrischer Anschluß besteht seit 1912, der Transformator wurde 1928 erbaut.
    Ein noch unbearbeitetes Kapitel sind Bräuche, Sagen, Tänze und Verse. Auch bei uns holte man Osterwasser und holt es noch. Man erzählte vom Koblick und tanzte den "Schwedschen Mann". In der Spinnstube erzählte man sich Spukgeschichten. Schließen wir mit einem Erlebnis des alten Lehrers Kilian:
    Um 1890 war er einmal in Prieschka bei Hasemanns zu Besuch gewesen und ging in finsterer Nacht allein nach Hause. Unterwegs hörte er plötzlich ein Rauschen über sich und sah eine schwarze Gestalt, daß sich ihm vor Entsetzen die Haare sträubten. Angstvoll eilte er weiter. An Heelemanns Wiese erhob sich mit einem Male ein Geschrei, Pfeifen und Johlen, und das gespenstische "Wilde Heer" zog vorüber. Dem alten Manne wurde vor Grauen ganz schwarz vor Augen, und nur unter Aufbietung aller Kräfte vermochte er Würdenhain zu erreichen. Das sagenhafte wütende Heer geht zurück auf den germanischen Wotansglauben. In diesem Falle mögen Uhus die Ursache des Spuks gewesen sein.


    Die alte Elsterbrücke im Jahr 1926 (wurde 1945 zum Kriegsende zerstört)

    14. Nachwort

    Was ich in jahrelanger Forschung aus vergilbten Akten und heimatkundlichen Schriften zusammengetragen habe und hier in den Hauptzügen darstellte, wird immer Stückwerk bleiben. Wir können nur ahnen, wie unsere Vorbewohner hier gelebt, gewohnt und gearbeitet haben, wie sie sich sorgten und wie sie sich vergnügten. Sicherlich war in der sog. guten alten Zeit auch nicht alles Glück und Gold. Je weiter wir an unsere Zeit herankommen, um so schneller verlief die Entwicklung. Halten wir unsere Heimat in Achtung und Liebe, leben wir unsere kurzen Tage so, daß wir vor unseren Nachfahren bestehen können, tun wir das Unsere für den Fortschritt und die Sicherung einer glücklichen Zukunft, in der es kein Kriegsgeschrei mehr geben soll!

    Die alte Kirche 1953. Ein Sturm zerstörte den 1973 Turm.