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Zur Geschichte der Diätetik

Lissy Bauer

Warum Diätetik in der Kulturgeschichte des Essens und Trinkens?
Die Diätetik ist ein Thema der Medizin- wie der Kulturgeschichte. Heute verstehen wir unter Diätetik oder Diät oft nur kaloriengerechte Ernährung, um abzunehmen oder bei Krankheit den Körper aufzubauen. Die Diätetik des Altertums jedoch stellte eine umfassende Lehre für das ganze Leben dar. Essen und Trinken spielte dabei nur eine Rolle. Für das gegenwärtige Verständnis hinsichtlich unserer Medizin und Ernährung zeigen die Lehren der Diätetik aus der Geschichte uns ein Vorbild für eine ganzheitliche Lebenslehre. An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Abriss der Geschichte der Diätetik abhandeln. Das Essen und Trinken soll als ein Teil der Diätetik begriffen werden und dabei sollen folgende Grundsätze festgehalten werden.
1. Unsere Ernährung beruht auf Instinkt, Erfahrung und Geschmack
2. Die Auswahl der Nahrung ist bestimmt von Magie, Religion, sozialem Prestige und sozialer Lage.

Der Begriff der Diätetik
In unserer Zeit versteht man unter Diätetik die Ernährungslehre. Doch im Ursprung verstand man unter ihr die Gesamtheitslehre des Lebens. Das griechische lateinische Wort diaita wird einmal als Geregelte Lebensweise durch gelinde Maßnahmen übersetzt und einmal als Aufenthaltsort angegebenen. Die antike Diaita war auf ein Gleichmaß ausgerichtet, auf eine Ordnung des Lebens, die sich an den sex res non naturales und ihrer Beachtung festmachen ließ. Auf Licht und Luft, Speis und Trank, Arbeit und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausscheidungen und Absonderungen sowie den Zuständen des Gemüts. Diese sex res non naturales werden immer wieder in der Geschichte der Diätetik aufgenommen und erhalten andere und erweiterte Bezeichnungen.
Als eine Ausgewogenheitslehre fügt sie sich in das System der Elemente-, Qualitäts- und Säftelehre, über die bereits im Abriss der Kochbücher referiert wurde.

Geschichte der Diätetik
Antike
Die Grundlage der Diätetik in der Antike war die Weltansicht der vier Elemente. Bereits Hippokrates (460-370 v. Chr.) und Galen (130-200) beschrieben therapeutische und diätische Empfehlungen, gerade auch im Umgang mit Speisen und Getränken. Ein Beispiel von Hippokrates: " Weizen ist kräftiger und nahrhafter als Gerste, führt aber - wie sein Saft – weniger ab. [...] Bohnen sind etwas Nahrhaftes, Verstopfendes und Blähendes, [...]" (Bergdolt, S. 38) Die Diätetik als umfassende Kunst des Lebens bezog sich nach Galen auf äußere und notwendige Ursachen von Gesundheit und Krankheit. Er stellte die Ordnung der später ins Lateinische übersetzten sex res non naturales auf. Diese nicht natürlichen Dinge sind zwar von Natur, jedoch nicht direkt festgelegt und können somit vom Menschen beeinflusst werden. Die sechs Bereiche der Diätetik (Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Aussscheidung, Affekte) müssen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Ein bestimmtes Maß in allen Bereichen, ein Ausgleich mit Körper und Geist waren die Grundregeln. Das Essen und Trinken in der Antike war bestimmt von der Philosophie und der Theologie.

Mittelalter
Die Diättradition der Antike wurde im Mittelalter weitergeführt. Stand sie in der Antike eher im kosmologischen-anthropologischen Konzept, ist nun mehr die Religion der Handlungshintergrund.
Die antiken und mittelalterlichen arabischen Medizintexte wurden ins Lateinische übersetzt und so kam es zur Einführung des Ausdrucks der sex res non naturales. (Johannitius 9. Jhd., Johannes de Sancto Amondo 13. Jhd.) Gerade in der Verbindung zur Theologie erhält das Essen und Trinken im Konzept der Diätetik eine Bedeutung. In der Bibel selbst findet man Anweisungen hinsichtlich der Ernährung. (1. Mose 9, 2-4: "Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; [...] Allein eßt das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem Leben ist!") Auch in den Lebensweisen der Mönche und Nonnen oder die Werke der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) werden diätetische Vorschriften für Speis und Trank aufgestellt. Hildegard von Bingen schrieb im Umgang mit Nahrung, dass man zu festgesetzten Zeiten speisen sollte und untersuchte einzelne Nahrungsmittel auf ihre Bekömmlichkeit hin. Nach antikem Vorbild war das Gleichmaß die Grundregel, so sollte auch der Genuss nicht zu kurz kommen, denn der Leib diente der Seele als Gefäß, so sollte er Beachtung erhalten.
Eine Grundschrift der Diätetik im Mittelalter stammt aus der Medizinschule von Salerno. Sie bezog sich auf die Vier-Elemente-Lehre und greift das Konzept des res sex non naturales auf. Einige dieser Lehren sind heute noch in unserem Sprachgebrauch, wie: "Nach dem Essen sollst du ruhn oder tausend Schritte tun." Die Medizin im Mittelalter ist im Gegensatz zur Frühen Neuzeit noch eine ganzheitliche Medizin. Wenn man seinen Körper gut und gesund ernährt, auf Bewegung, frische Luft usw. achtet, wird man weniger krank. Bei Krankheit gab es keine Medikamente nach unserem Verständnis, man versuchte unter anderem mit Hilfe von Kräutern oder der so genannten "Drecksapotheke", Mineralen und viel Scharlatanerie den Kranken zu helfen. Die Diätetik war ein Teil der Medizin, die ein eigenes Konzept besaß und in erster Linie zur Vorbeugung dienen sollte.

Neuzeit
In der Renaissance und in der Aufklärung wird das umfassende Konzept der Diätetik aufgelöst. Die Forschung der Medizin schreitet mit großen Schritten voran, die Medizin an sich entwickelt sich von einer Natur- und Geisteswissenschaft zu einer technischen Naturwissenschaft. In den Epochen der Neuzeit gibt es hunderte von verschiedenen Abhandlungen zu Krankheit, Therapie und gesunder Lebensweise. Die einstige Ethik und die Theologie des Essens und Trinkens im Sinne der Diätetik wird nun in unterschiedliche Bereiche übernommen. In einer Abhandlung des Kardinals Francesco Maria Brancacciovon wird 1664 über den Genuss der Schokolade gestritten. Ebenso befasste sich Franz Rauch, ein Professor der Medizin in Wien 1724 mit dem Kakaogenuss der Mönche. Er verurteilte das Kakaotrinken, weil es die Sinnlichkeit zu sehr errege. Viele Mediziner schrieben im 18. Jahrhundert wissenschaftliche Abhandlungen, die den diätischen Bereich als eine ferne Ursache von Krankheiten bezeichneten. Bedeutende Schriften der Diätetik der Aufklärung verfassten Bernhard Christoph Faust (1755-1842), Christoph Wilhelm Hufland (1762-1814) und Franz Anton Mai (1742-1814).
Eine sehr intensive Auseinandersetzung mit der Diätetik stellen die homo litteratus dar, die sich in unzähligen Schriften mit dem Gemüts- und Gesundheitszustand der Gelehrten befassten. Eher in der Literaturwissenschaft oder der Sozialgeschichte der Literatur untersuchte Werke wie von dem Arzt Johann Georg Zimmermann (1728-1795) "Von der Diät der Seele" zeigen Untersuchungen und Empfehlungen im Sinne der antiken Diätetik auf. Essen und Trinken werden auch hier nur als Teil einer gesunden Lebensweise betrachtet. Ebenso schrieb 1768 Samuel Auguste Tissot ein "Arznygelaehrther Doctor und oeffentlicher Lehrer" (Tissot, S.2) in "Von der Gesundheit der Gelehrten" speziell für "Menschen , die viel sitzen und studieren" Tipps für ein gesundes Leben. Er untersucht im besonderen die Wirkung der Getränke auf den Gelehrtenkörper und verurteilt zum Beispiel den Verbrauch von Tee, da er "sehr starke und gesunde Männer gesehen habe, denen etliche Tassen Thee, nüchtern getrunken, Blödigkeiten, Gähnen, Übelfinden verursachten, [...]"(Tissot, S. 214).

Diätetik ab dem 19. Jahrhundert und im Verständnis der Gegenwart
Mit der Untersuchung der Nahrungsmittel hinsichtlich ihrer Stofflichkeit und Wirkung auf den Körper im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Diätetik zu einer technisch naturwissenschaftlichen Therapiemöglichkeit in der Medizin. Wissenschaftliche Ernährungslehren mit Nährwerttabellen, Kalorienberechnungen und untersuchte Krankenkost stehen nun an Stelle der Gesamtheitslehre der Diätetik aus der Antike und dem Mittelalter.
In erster Linie dienen Nahrungsmittel als Energie für unseren Körper und Geist. Im Zusammenhang mit der Diätetik werden sie als Therapie bei Krankheiten eingesetzt, dienen bei ordnungsgemäßen Gebrauch der Vorbeugung und werden gar als Arznei verwendet. Eine Diät oder das System der Diätetik zu befolgen, fordert eine bestimmte soziale Lage, um eine Auswahl zu treffen. Bei allen Darstellungen über Diät oder Diätetik von Theologen, Philosophen, Wissenschaftlern in der Geschichte, darf man die Wirklichkeit nicht vergessen. Gerade diese "Gelehrten" waren in der Lage sich zu entscheiden was, wie und wo sie speisen und trinken. Doch die breite Bevölkerung in allen Zeiten besaß nicht diese Wahl. Die Frage ist, inwieweit hielten solche Theorien über eine gesunde Lebensweise Einzug in die Praxis des Alltags? Ebenso müssen die verschiedenen, teilweise sich widersprechenden Lehren über den Verbrauch und Nutzen von Essen und Trinken untersucht werden. Wie anfangs erwähnt, ist die Auswahl der Nahrung bestimmt von Instinkten, Erfahrungen, gesammelten Erkenntnissen, Geschmack, Religion, sozialer Lage und Prestige etc. An dieser Stelle wäre es eine Aufgabe der Kulturgeschichte, die Unterschiede hinsichtlich Entstehung und Verwendung im Zusammenhang mit den genannten Kriterien zu untersuchen.
Erkenntnisse und praktische Folgerungen in der Ernährungslehre und im System der Diätetik gerade im Rückblick der Geschichte müssen wieder mehr in den Vordergrund gelangen. Essen und Trinken sollte nicht nur als kurative, sondern auch als präventive und rehabilitierende Bedeutung in der Medizin erfahren. Und nicht nur das, die Diätetik sollte wieder ganzheitlich, also nicht nur im medizinischen Sinne angewendet werden, sondern als Diätetik des Lebens verstanden werden. Nach Engelhardt sollte die Diätetik des Essens und Trinkens dazu auffordern, die physischen, seelischen, sozialen und geistigen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Menschen mit dem Essen und Trinken in einen Zusammenhang zu bringen.

Literatur:

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Bergdolt, Klaus: Leib und Seele. Eine Kulturgeschichte des gesunden Lebens. München 1999.

Bergdolt, Klaus: Arzt, Krankheit und Therapie bei Petrarca. Würzburg 1992.

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Marcuse, Julian: Diätetik im Altertum. Eine historische Studie. Stuttgart 1899.

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Tiedemann, Friedrich: Die Physiologie der Nahrungsmittel. Darmstadt 1850.

Tissot, August Samuel: Von der Gesundheit der Gelehrten. Zürich 1768.

Triller, Daniel Wilhelm: Belehrung wie es anzufangen, Ein hohes Alter zu erlangen. Wittenberg 1778.

Zimmermann, Johann Georg: Ruhr unter dem Volke im Jahr 1765. Zürich 1767. S. 68-80.

Zimmermann, J. G.: Tissot von der Epidemie in Lausanne im Jahr 1766. Zürich 1767.



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