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Ernährung in Zwangseinrichtungen

Ralf Baumgart

Methodische Vorbemerkungen:
Ausgehend von der Feststellung, daß es sich bei der Frühen Neuzeit auch um eine Epoche massiver gesellschaftlicher Ausgrenzung sogenannter Minderheiten handelt, interessiert mich die Frage, inwiefern sich die mit diesen Ausgrenzungsbestrebungen verfolgten Ziele der Disziplinierung in der Ernährung der Internierten niederschlug. Dazu erscheint es mir notwendig, zunächst auf die Formierung frühneuzeitlicher Zwangseinrichtungen im allgemeinen einzugehen und deren spezifische Ziele darzulegen. Im zweiten Teil werde ich anhand von Hausordnungen verschiedener sächsischer Zucht- und Arbeitshäuser auf die Ernährungssituation der Zwangseingewiesenen eingehen.
Der methodische Ansatz, den ich in dieser Arbeit verwende, besteht in der historischen Diskursanalyse im Anschluß an die Arbeiten Michel Foucaults zu Ausschlußmechanismen und Zwangseinrichtungen in der Frühen Neuzeit.

Jede Wissenschaft ist wertgebunden. Die Historiographie der Moderne geht in ihrer wissenschaftlichen Forschung von den Axiomen des freien und auf Emanzipation bedachten Individuums und einer kontinuierlich fortschreitenden Geschichte aus, die eine Linie aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart bildet.
Demgegenüber setzt die postmoderne Geschichtswissenschaft, die in wesentlichen Punkten vom Werk Michel Foucaults angestoßen und vorangetrieben wurde, auf eine gebrochene, diskontinuierliche Geschichte, deren Brüche uns den direkten Zugang (das hermeneutische "Durchdringen” des historischen Textes) zur Vergangenheit versperren.
Eines der wichtigsten Bestandteile postmoderner Geschichtsschreibung ist die Analyse der Diskurse der Vergangenheit. Diskurs bedeutet nach Foucault die "institutionalisierte bzw. institutionalisierbare Redeweise" über einen gesellschaftlichen Teilbereich zu einer bestimmten Zeit, bei der das gesellschaftliche Wissen produziert und fixiert wird und die Bedingungen und Umrisse des Denkens festgelegt werden. Diese Diskurse sind durch ihre Definitionsmacht bezüglich der gesellschaftlichen Wahrheit zwangsläufig mit gesellschaftlicher Macht verbunden.
Alles, was dem Historiker bleibt, ist also Analyse zum einen dessen, worüber gesprochen wurde, und zum anderen dessen, wer mit welchem Zweck wie gesprochen hat.
Gegen die Vorstellung der Einen Geschichte setzt die Postmoderne die Auffassung vieler, fragmentarischer, verschütteter, nicht erzählter, verdrängter und spezifischer Geschichten, die es zu erzählen und zu erhalten gilt.

Die Entstehung von Zwangseinrichtungen im Verlauf der Frühen Neuzeit:
Mit dem Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung bildete sich eine neue Wertung dessen, was der Mensch ist und sein soll, heraus: Freiheit, Autonomie des Subjekts, Vernunft und Rationalität gewannen als Schlagworte der Beschreibung des Menschen im Verlaufe der Frühen Neuzeit eine enorme Bedeutung. Nach Foucault hingegen "war die Geschichte Europas seit der frühmodernen Zeit im Wesen die Geschichte der großen Ausgrenzung. In diesem Prozeß wurde alles Verhalten, das von einer als "normal” definierten Kultur abwich, in zunehmendem Maße stigmatisiert, und diejenigen, die entsprechendes Verhalten zeigten, wurden immer weiter marginalisiert und ausgegrenzt, schließlich eingeschlossen oder gar eliminiert. Foucault denkt dabei an diejenigen, die als geisteskrank, arbeitsscheu, homosexuell, schwer erziehbar, delinquent usw. klassifiziert und zunehmend in speziellen Einrichtungen zur "Normalisierung”, d. h. Disziplinierung, abgesondert wurden.” (Lorenz, S. 155)
Solchermaßen stigmatisierten Menschen wurde zwar die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm zur Last gelegt und sie bekamen die ganze Last der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu spüren, gleichzeitig wurde ihre Devianz aber als heilbarer sozialer Defekt angesehen, der in bestimmten Einrichtungen zur Behandlung kam.
In der Folge etablierten sich seit dem 16. Jahrhundert in ganz Europa soziale Instanzen der Internierung (z. B. die working houses in England), die die Disziplinierung der als deviant stigmatisierten Menschen zum Ziel hatten. So entstand als eines der ersten 1620 das hamburgische Zuchthaus, 1657 das Hôpital Général in Paris, 1671 das Arbeitshaus in Wien.
Die Internierten waren dabei einem strengen Kanon von Regeln und Behandlungen zwanghaft ausgesetzt, der Arbeitszwang, einen quasi-klösterlichen Tagesablauf, therapeutische Maßnahmen, Belehrung und Erziehung beinhaltete. Die Ziele waren zum einen die Aussonderung aus der "normalen” Gesellschaft, zum anderen die Dressur und Disziplinierung der Insassen, denen ein sozialer Defekt unterstellt wurde. Solche Zwangseinrichtungen waren vor allem Zucht- und Arbeitshäuser, aber auch Irren- und Waisenanstalten, Gefängnisse, Schulen und Kasernen.

Ein regionales Beispiel: Waldheim (Sachsen):
Als regionales Beispiel zur Illustration der Techniken der Disziplinierung und der Ernährung in Zwangseinrichtungen im besonderen dient die 1716 als Zucht- und Arbeitshaus mit angegliedertem Waisen- sowie Irrenhaus eröffnete Anstalt in Waldheim. Schon nach kurzer Zeit zählte sie zu den größten Zwangsanstalten im deutschsprachigen Raum mit 182 Insassen im Jahr der Gründung, aber schon 400 drei Jahre später und 600 im Jahre 1756. Die folgenden Zitate stammen aus den Hausordnungen aus Waldheim aus dem Jahr 1850 und aus denen von Mühltroff (ca. 1850) und Voigtsberg 1862.
Generell anzutreffen ist die Vorstellung, der deviante Mensch könne durch die "heilsame” Wirkung körperlicher Arbeit wieder zu einem als normal angenommenen Leben zurückfinden. Folgerichtig heißt es in Paragraph zwölf der Mühltroffer Hausordnung: "Arbeitsfähig Eingelieferte verlieren während des Verbleibens in der Anstalt die freie Verfügung über ihre Zeit und Arbeitskräfte”. Adäquate Formulierungen finden sich auch in anderen Schriften. Die Insassen hatten den Anweisungen der Anstaltsleitung Gehorsam zu leisten und die ihnen zugewiesenen Arbeiten auszuführen. Außerdem unterlagen sie einem genau geregelten Zeitregime, wie der Tagesablauf in Voigtsberg 1862 exemplifiziert. Nach dem Wecken um vier Uhr bestand der Tag im wesentlichen aus Arbeit (insgesamt zwölf Stunden). Für die Mahlzeiten waren insgesamt ca. drei Stunden vorgesehen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die von den Züchtlingen geforderte Enthaltsamkeit, die sogenannte "entbehrliche Genüsse” wie den "Besuch von Schankwirtschaften und öffentlichen Vergnügungsorten” untersagte (Mühltroff 1850, § 9). Noch deutlicher wird die waldheimsche Ordnung, wenn sie schreibt: "Jeder nicht ausdrücklich erlaubte sinnliche Genuss ist verboten.” (Waldheim 1850, § 49)

Ernährung in Zwangseinrichtungen:
Die in den Zwangseinrichtungen der Frühen Neuzeit verabreichte Kost ist generell als einfach und eintönig anzunehmen. Teilweise sind darüber hinaus auch Hinweise auf verdorbene und minderwertige Nahrungsmittel zu finden. Exemplarisch sei an dieser Stelle der Speiseplan der Innsbrucker Anstalt aus dem Jahr 1769 wiedergegeben: Am Montag und am Donnerstag gab es Dampfnudeln und Sauerkraut, dienstags und samstags Polenta und Sauerkraut, am Mittwoch Türkenmais und Fisolensuppe, am Freitag "Zugemüß" aus Gerste, Erbsen und Fisolen und am Sonntag Knödel, abends generell "Einbrennsuppe" mit Brot außer sonntags, wo Knödelsuppe gereicht wurde. Der Konsum von Fleisch mußte extra bezahlt werden. (Weiss 2002) Trotzdem ist anzunehmen, daß die Verpflegung der Internierten nicht besonders schlecht war – vielmehr sind die Einschätzungen als realistisch anzunehmen, die sie als dem Durchschnitt der Lebenshaltung der städtischen Unterschicht vergleichbar beschreiben.
Auch hier wieder die entsprechenden Paragraphen aus den drei sächsischen Zucht- und Arbeitshäusern. In allen Anstalten war die "zu gewährende Beköstigung durch ein vom Ministerium genehmigtes Speiseregulativ geordnet. [...] Die Züchtlinge [...] essen gemeinschaftlich, ein jeder an dem ihm angewiesenen Platze. Zur Einnahme der drei Hauptmahlzeiten einschließlich der dabei zu haltenden Andachtsübung, sind täglich ein und eine halbe Stunde bestimmt. [...] Die Anberaumung sämmtlicher Mahlzeiten auf bestimmte Tagesstunden ist Sache des Directors.” (Waldheim 1850, § 23)
Eine besondere Rolle spielte das Essen auch bei Zuwiderhandlungen gegen die Anstaltsordnung bzw. Verstößen gegen die Anordnungen der Leitung. Unter den Strafarten ist der Entzug von Nahrung nach einem genauen Reglement beschrieben. In verschiedenen Stufen vom Wegfall einer bestimmten Mahlzeit bis zum generellen Entzug warmer Kost, der Reduzierung der Brotrationen oder der Halbierung der Nahrungsmenge bis zu einer Dauer von 30 Tagen oblag diese Strafanordnung allein der Anstaltsleitung.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß das Ziel der Disziplinierung, der Besserung des als sozial defekt und deviant stigmatisierten Menschen auch im Bereich der Ernährung und während der Mahlzeiten (wie überhaupt in allen erreichbaren Lebensbereichen) verfolgt wurde. Ernährung war dabei generell fremdbestimmt, die Internierten konnten zu keinem Zeitpunkt darüber bestimmen, was auf den Tisch kam, wann es kam oder wie es zubereitet wurde. Ein starrer Tagesablauf und die häufig anzutreffende mindere Qualität des Essens sollten ebenso wie Arbeitszwang, Parzellierung und verordnete Enthaltsamkeit die Disziplin hervorrufen, die vonnöten ist, um in der (post-) aufklärerischen Gesellschaft als soziales Wesen Anerkennung zu finden.


Literatur:
Brietzke, Dirk: Arbeitsdisziplin und Armut in der Frühen Neuzeit. Die Zucht- und Arbeitshäuser in den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck und die Durchsetzung bürgerlicher Arbeitsmoral im 17. und 18. Jahrhundert, Hamburg 2000

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/Main 1977

Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt/Main 1973

Haus-Ordnung für das Zuchthaus Waldheim, Dresden 1850

Haus-Ordnung für das Zuchthaus Mühltroff, Dresden o.J. (ca. 1850)

Haus-Ordnung für das Zuchthaus Voigtsberg, Dresden 1862

Landwehr, Achim: Geschichte des Sagbaren. Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen 2001

Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln / Weimar / Wien 1997

Weiss, Alfred Stefan: Der Alltag in den österreichischen Zucht- und Arbeitshäusern. "Karbatsch=Streiche zur künftigen Besserung", Arbeitskreis Historische Kriminalitätsforschung in der Vormoderne, Stuttgart 26.4.2002 (Vortragsmanuskript)

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