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Kannibalismus


Susanne Wetzel

Das Referat beschäftigt sich, im weitesten Sinne, mit dem Thema Kannibalismus. Betrachtet werden sollen einige Dimensionen dieses Begriffes, Kannibalismus als Thema wissenschaftlicher Arbeiten und als Komponente des Alltagswissens, Kannibalismus als Mythos, dessen Spuren bis heute in unserer Gesellschaft zu finden sind oder Kannibalismus als historische Realität. Die Meinungen gehen hierüber weit auseinander, stellvertretend für alle Standpunkte sollen einige Vertreter unterschiedlicher Auffassungen zum Thema dargelegt werden.
Weiterhin wird versucht werden, sich dem Begriff "Mythos” ein wenig anzunähern. Wie entstehen Mythen und was leisten sie in verschiedenen Gesellschaften?
Kannibalismus kann als durchaus schwer zu fassendes Thema gelten, zum einen, was die weit auseinandergehenden Meinungen und Denkansätze angeht, zum anderen die Einbeziehung, Interpretation und somit auch Authentizität von Quellenmaterial betreffend.
Außerdem wird die Methode der Hermeneutik zur Sprache gebracht werden, da sich dies im Zusammenhang mit dem Thema anbietet. Was ist "Verstehen”, was Interpretation, welche Rolle spielen Vorurteile, Sozialisation, Machtstreben, Selbstdarstellung... beim Verstehen?
Welcher Bezug lässt sich zu den Geschichtswissenschaften, zur Arbeit mit Quellen und zum Referatsthema herstellen?

"Das Rätsel des Kannibalismus dreht sich um den gesellschaftlich sanktionierten Verzehr von Menschenfleisch bei gleichzeitigem Vorhandensein anderer Nahrungsmittel.” (Harris 1988, 216) Dieses Zitat aus einem der Bücher von Marvin Harris zum Thema Kannibalismus kann sicherlich nur bedingt als maßgeblich für eine Definition gelten, benennt es doch Menschenfleisch im Zusammenhang mit dem Wort "Nahrungsmittel”, Menschenfleisch als Nahrungsmittel zu verzehren gibt eine sicherlich nur sehr begrenzte Einsicht in die Vielfältigkeiten des kannibalischen "Spektrums”. Dennoch soll es als Einstieg dienen und weitere Gedanken anregen.
Kannibalismus bedeutet zunächst den Verzehr von Teilen des menschlichen Körpers, einschließlich des Blutes, in den verschiedensten Formen. Hauptsächliche "Objekte des Interesses” sind also der menschliche Körper (d. h. Fleisch) und das menschliche Blut. Blut und Fleisch waren schon immer von besonderem Interesse für den Menschen. Die Erfahrung, dass Krankheit und Tod mit verfallendem Fleisch einhergehen und dass eine blutende Wunde ebenfalls zum Tod führen kann, würde ich als eine Art Ur-Erfahrungen des Menschen bezeichnen, sie nährten den Glauben an ein magisches Eigenleben der Elemente (Fleisch und Blut), an eine ihnen innewohnende eigenständige Kraft. Somit wird auch verständlich, dass man an ein Übergehen dieser Kraft glaubte, nahm man Fleisch oder Blut eines anderen Menschen, oft verbunden mit magisch-religiösen Riten, zu sich. Somit ergab sich eine Form des Kannibalismus, von der Wissenschaft als "sakraler” oder "magischer” Kannibalismus bezeichnet. Es geht bei dieser Form des Kannibalismus also darum, sich Kräfte, Charaktereigenschaften oder besondere Tugenden eines anderen Menschen durch Essen (von Teilen) seines Körpers oder Trinken seines Blutes anzueignen. Weitere Bezeichnungen, die sich in der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas durchgesetzt haben, sind:

a) profaner Kannibalismus (auch Kriegskannibalismus)
Bei dieser Form des Kannibalismus wird herausgestellt, das zwischen Menschenfleisch und anderen Nahrungsmitteln kein Unterschied gemacht wird, die Gründe hierfür können verschiedener Art sein (Proteinmangel, Feinschmeckertum, Lust am Töten und Aufessen der Feinde...)

b) gerichtlicher Kannibalismus
Er betrifft Menschen, die aufgrund eines Verbrechens aus der (Stammes-) Gemeinschaft ausgeschlossen werden und im Sinne von Rache, Verachtung oder auch Wiedergutmachung Opfer kannibalistischer Praktiken werden.

c) ritueller Kannibalismus
Menschenfleisch wir aufgrund einer rituellen Verpflichtung und in Zusammenhang mit einem kultischen Geschehen verzehrt, Grundlage bilden oft identitätsstiftende (Gründungs-) Mythen von menschenfressenden Göttern oder "Kulturbringern”. Beispielsweise sagt man von den Azteken, sie verspeisten Menschen auf rituelle Art, um dem Zentralsymbol ihrer Religion, der Sonne, zu huldigen, die nach dem Entstehungsmythos aus dem Fleisch und Blut sich dem Feuer opfernder Götter entstanden war. (Tannahill 1979, 89)

Der größte wissenschaftliche Streit entbrannte wohl um die Formen des sog. profanen Kannibalismus, während über die Existenz und Formen der anderen Arten von Kannibalismus kaum Uneinigkeit herrscht.
Die zentrale Frage hierbei wird sein, ob es überhaupt jemals Formen des Kriegskannibalismus gegeben hat, wie zum Beispiel Marvin Harris sie beschreibt.
Ein kritischer Blick wird auf die Berichterstattung über angeblichen Kannibalismus geworfen werden, wie verlässlich sind die Quellen, die Augenzeugenberichte, die Inquisitionsakten, die Angaben der Entdeckungsreisenden, der Abenteurer, der Forschungsreisenden, der Missionare, der Ethnologen?
Ich werde mich dabei besonders auf einen Text von Erwin Frank stützen, der Quellenmaterial zum Thema Kannibalismus kritisch untersucht hat und die These vertritt, dass die meisten Augenzeugenberichte und das meiste Quellenmaterial absolut unglaubwürdig sind und somit Kannibalismus in seinen meisten Formen nie existiert hat und auch heute nicht existiert. Kannibalismus ist ein Mythos, der, wie alle Mythen, bestimmte Funktionen erfüllt und mehr über die jeweiligen Verfasser sagt als über den eigentlichen Inhalt.
Während der Kolonialisierung hatte der Kannibalismusmythos eine durchaus praktische Bedeutung für die Eroberer, denn das Vorhandensein von Kannibalen rechtfertigte die Anwesenheit der Kolonialherren in der "Neuen Welt” und ihr Auftreten als neue Herrscher und Heilsbringer. Im Zuge dieses Rollenverständnisses rechtfertigte der Mythos weiterhin die Versklavung und Tötung von Millionen von Ureinwohnern, diente also vor allem wirtschaftlichen und politischen Zwecken, legitimierte die Landnahme auf den neuentdeckten Kontinenten und schuf neue Grenzen auf dem Vormarsch der Christenheit.
Damals wie heute sichert ein Mythos das Verständnis von dem, was normal ist. Er stärkt die eigene Gruppe durch rigorose Exklusion der "Anderen”. Beim Kannibalismusmythos dienen die Kategorien von "Gut” und "Böse” letztlich der Kontrolle der Bedingungen und der Menschen eben durch Kategorisierung. Jedes Zentrum muss strenge Grenzen ziehen, um sich selbst als Zentrum zu definieren. Das Selbst bedarf des Anderen, um ein Gefühl integraler Identität zu entwickeln. Denn wie sollte man Feindseligkeit gegen Andere empfinden, wenn sie nicht die Anderen wären, wenn sie so wären wie ich?
Diese Untersuchung des Quellenmaterials und die daraus entstandenen Schlussfolgerungen werfen auch Fragen auf, die die Forschungsmethode der Hermeneutik betreffen. Auch hierzu wird im Referat Stellung genommen werden, insbesondere im Bezug auf Gadamer und seine "Definition” des Begriffes "Verstehen”.

Literatur:

Piero Camporesi: Das Brot der Träume- Hunger und Halluzinationen im vorindustriellen Europa, Frankfurt/Main/ New York 1990.

Hans-Peter Duerr: Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, Frankfurt/M. 1985.

Erwin Frank: Sie fressen Menschen, wie ihr scheußliches Aussehen beweist..., in: Hans-Peter Duerr (Hrsg.); Authentizität und Betrug in der Ethnologie, Frankfurt/M. 1987.

Kai Hammermeister: Hans-Georg Gadamer, München 1999.

Marvin Harris: Cannibals and kings. The origins of culture, New York 1977.

Ders.: Wohlgeschmack und Widerwillen, Stuttgart 1988.

Heidi Peter-Röcher: Mythos Menschenfresser. Ein Blick in die Kochtöpfe der Kannibalen, München 1998.

Reacy Tannahill: Fleisch und Blut, München 1979.

Marina Warner: Monster, Wilde, Unschuldsengel. Mythen, mit denen wir leben, Reinbek bei Hamburg 1996.

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