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Die Küche

Kathleen Kirchübel, Manuela Weber

Fragt man sich nach dem Profil der alltäglichen Lebensordnung, nach Veränderungen in der in der Alltagskultur speziell zu dem Thema "Essen und Trinken in der Frühen Neuzeit", so eignet sich das Beispiel "Küche" gut, um zu zeigen, wie ökonomische, soziale, ethische, politische und ästhetische Facetten in der Praxis des Gestaltens der Alltagswelt ineinander verwoben sind und wie sich materielle, soziale und symbolische Strukturen in ihrer wechselvollen Geschichte gegenseitig bedingen und beeinflussen. Auch lässt sich analysieren, was sich in der Küche an Mythologischem oder Geschlechterspezifischem sedimentierte und wie sich soziale Distinktion, Arbeitsorganisation, technologische Entwicklung und das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem manifestierte.

Obwohl die Herdstelle seit jeher einen der zentralen Punkte der menschlichen Behausung und - neben verschiedenen anderen Aufgaben - den Rahmen für die Nahrungsbereitung bildete, ist die Kenntnis über ihre zeitliche, regionale und soziale Entwicklung für Deutschland ungewöhnlich schlecht. Aufsätze, die zum Thema Nahrungsgeschichte und Haushalt in den letzten Jahren erschienen, fußten recht selten auf eingehenderen oder neueren Recherchen, sondern reproduzierten nur regional und sozial unspezifische Urteile, die sich seit Jahrzehnten in der Literatur gehalten haben. Auch im Bereich der Sachforschung kommt man selten über die allgemeine Sammlung historischer Bildquellen hinaus.

Quellen:
Geeignete Quellen, die dem Historiker heute Nachrichten über das bürgerliche Wohnen dieser Zeit übermitteln, sind u. a. Verkaufsabschlüsse, Verlassenschaftsinventare (Nachlässe), Testamente, Illustrationen von Büchern und eher selten erhaltene Einrichtungsgegenstände. Des weiteren erlauben barocke Puppenhäuser einen Blick in das Hauswesen dieser Zeit und lassen Rückschlüsse auf typische Raumanordnungen und Ausstattung zu. Auch Schilderungen aus belletristischen Büchern oder Briefen werden zur Interpretation bildlicher Darstellungen herangezogen. Sie zeigen Zustände, Situationen und das Zueinander von Ding und Mensch. Allerdings ist von diesen Beschreibungen in Wort und Bild nur selten die ungeschönte Wahrheit zu erwarten. So wird z. B. die Erbärmlichkeit der kleinbürgerlichen Wohnung erst im 19. Jahrhundert von sozialkritischen Künstlern thematisiert, und erst im 20. Jahrhundert führte das wissenschaftliche Interesse an der Alltagskultur zusammen mit sozialgeschichtlichen Fragestellungen zu Ergebnissen. Kleinhäusler-, Arbeiterwohnungen oder Dienstbotenbleiben sind kaum irgendwo erhalten geblieben und heute noch zu erkunden.

Küche – Herdstelle:
Unter dem Begriff "Küche" verstehen wir heute einen Raum, der vorwiegend zum Kochen und Wirtschaften dient. Hält man sich in diesem Raum auch auf, bezeichnen wir ihn als "Wohnküche". Aber seit dem Aufkommen des Begriffs im 16. Jahrhundert war damit zunächst noch kein eigener abgeschlossener Raum gemeint, sondern ein Bereich der Wohn- und Wirtschaftshalle um die Feuerstelle herum. Begriffe wie "Küche" und "Diele" waren anfangs nur gebräuchlich, um eine funktionale Gliederung von Bereichen innerhalb dieses verschiedenen Aufgaben dienenden Großraumes sprachlich auszudrücken.
So wurden an der Herdstelle nicht nur die Speisen zubereitet, sondern auch das Handwerk bzw. Gewerbe ausgeübt. Hier führte man die Gäste hin und setzte sich zu Mußestunden zusammen. Vor der Entwicklung von Rauchabzügen und Schornsteinen nutzte man den entstehenden Rauch, um das Gelagerte auf den oberen Böden (oder unter der Decke der sehr hohen Dielen hängend) vor Ungeziefer und Schimmel zu sichern. Auch die Geschichte der Hauserwärmung ist ganz wesentlich mit der Geschichte der Herdstelle verbunden. In einigen Regionen - v. a. in Niederdeutschland – handelte es sich bei der Koch- bzw. Herdstelle lange Zeit um eine der wenigen oder gar die einzige Wärmestelle im Haus, ehe sie in dieser Funktion von anderen Formen der Hauserwärmung abgelöst wurde. Dort, wo sich eine von der Herdstelle unabhängige Ofenheizung entwickelte, konnte sich die Küche weitgehend frei in ihrer Aufgabe als Kochstelle entwickeln. Im 16. Jahrhundert gab es jedoch in den meisten städtischen Wohnhäusern mit dem Herdfeuer nur eine Feuerstelle, die alle diese Funktionen auf sich vereinigte und somit den Mittelpunkt des alltäglichen Lebens bildete. Jede weitere Feuerstelle galt als Luxus und war somit ein sozialer Indikator.

Solange die Herdstelle auch der Wärmung des Raumes diente, also Küche und Aufenthaltsraum noch eine Einheit bildeten, blieb das Feuer aufgrund der höheren Strahlungswärme zu ebener Erde bzw. zu wenig darüber erhöht. Da dies recht unbequeme Arbeitsbedingungen beim Kochen schuf, war das Kochen im Sitzen auf einem Stuhl üblich. Der aufgemauerte Herd erlaubte hingegen die Arbeit im Stehen. Auch das Feuer unter den Pfannen und Töpfen konnte so feiner dosiert werden.

Die Entwicklung der Kochstelle vom späten Mittelalter bis zum 18.Jahrhundert ist von sozialen und regionalen Unterschieden geprägt. Vor allem im niederdeutschen Raum blieb der Standort der Herdstelle lange die Diele. Dieser große überschaubare und ungeteilte Raum war eine Besonderheit des Norddeutschen Hallenhauses, in dem sich Wohnen, Arbeiten und Schlafen ohne Abtrennung vollzog. Erst unter oberdeutschem Einfluss wurde in den gewaltigen und hohen Dielenraum ein niederer Stubenraum eingebaut. Die Herdstelle entwickelte sich nach und nach über eine offene nischenartige Fortsetzung der Diele bis hin zu einer abgeschlossenen Küche. Über den gemauerten Herden war ein großes Gewölbe oder ein Rauchfang angebracht. In Oberdeutschland kam es schon früher zur Entwicklung ausgeprägter Kochstellen in abgetrennten Küchen. Schon im späten Mittelalter war die Küche hier ein separater Wirtschaftsraum, der einen gemauerten Herd besaß. Da dieser nicht mehr zur Wärmung der Diele diente, konnte er bequemer zum Kochen eingerichtet werden. Die Küche lag oft hinter der Stube, in der sich schon ein gekachelter Hinterladerofen befand. Er wurde entweder von der Küche aus bedient oder besaß eine direkte Verbindung zum Küchenherd. Die meist hölzernen Rauchabzüge waren gemäß der geltenden Feuerordnungen wie alle Küchenwände mit Lehm verkleidet. Selten hatten die rauchgeschwärzten Küchen direktes Licht. Rauch und Hitze des offenen Feuers mussten in Kauf genommen werden. Der Essplatz wurde nach und nach aus der Küche in die Wohnstube verlegt. Im Barock orientierte sich der bürgerliche Bau-/ Architekturstil an den modernen Schlössern und Palais des Adels. In Süddeutschland war der Einfluss Italiens spürbar, während in Nord- und Mitteldeutschland der Einfluss Hollands erhalten blieb. Damit setzte eine neue Phase der städtischen Wohnkultur ein. Es gab kaum noch Allzweck- und Durchgangsräume. Man richtete sich den aufkommenden Individualbedürfnissen entsprechende Einzelzimmer ein und leistete sich beheizbare Stuben. Die Küche wurde in der Regel in das erste Obergeschoss gegenüber der allgemeinen Wohnstube verlegt. Im Erdgeschoss fand man oftmals nur noch die Räume für die gesellschaftliche Kommunikation. Bei reicheren Bürgern waren es große Säle und Prunkstuben. Die Einrichtung der barocken Küchen blieb aber weiterhin eher zweckmäßig. Eine Ausnahme bildete das aufkommende Schaugeschirr, welches vielmehr modischer Zierrat war als dass es im Alltag Gebrauch fand. Es wurde über dem Herd und auf Regalen aufgereiht. Einige wohlhabende Häuser leisteten sich sogar eine nicht benutzte Schauküche. Die alltäglich benutzte Arbeitsküche wies seit dieser Zeit andere Neuerungen auf: Zum einen werden sogenannte Spülsteine üblich, welche als Ausguss für das Küchenwasser dienten. Zum anderen bedeckt den weiterhin steinernen Unterbau des hüfthohen Herdes nun oft eine eiserne Platte. Diese machte es nun möglich Steinkohle als Brennmaterial zu nutzen. Die Platte schützte die Speisen vor der heißen Glut der Kohle. Der große Rauchfang über dem Herd erhielt in einigen Regionen schon einen Schornstein und manchmal fanden sich in einer bürgerlichen Küche auch mehrere Feuerstellen zum Kochen, Braten in Pfannen, für den Wasserkessel u.s.w. Auch in dieser Zeit wurden noch oft von der Herdstelle aus die Stubenöfen beschickt. Allerdings verfügten die meisten bürgerlichen Haushalte bereits über weitere bewegliche Heizgeräte wie Stövchen oder Wärmepfannen und besonders in Norddeutschland kam es nach holländischem Vorbild zu einer Ablösung der gekachelten Stubenöfen durch große Kamine.
In handwerklichen und erst recht in bäuerlichen Haushalten blieb die zentrale Bedeutung der Küche zumindest für den alltäglichen Gebrauch vielfach bis ins 20. Jahrhundert erhalten. In den früh industrialisierten Regionen, in denen man seit dem 18. Jahrhundert die städtischen Häuser oft als Mietshäuser in nur ein bis zwei Generationen umfassenden Haushalten bewohnte, wurden hingegen auch Wohnungen ohne jegliche Küche üblich. Hier befanden sich nur Kochöfen in den Wohnstuben.

Herdgeräte und Tischgeschirr:
Die Geschichte der Geräte für Herd, Haus und auch Tisch beginnt schon sehr früh, denn die meisten von ihnen sind sehr alt und haben ihren Ursprung in der vorchristlichen Zeit. Als Quelle dienen uns ebenfalls Testamente und Nachlassinventare, weniger aber zeitgenössische Darstellungen, da diese oft einen zu hohen symbolischen Charakter aufweisen. Der archäologischen Forschung verdankt man die Kenntnis darüber, dass sich auf der "Ebene des Alltags" Haus- und Tischgeräte von patrizischen und einfachen Bürgerhaushalten kaum unterschieden. Das Küchengerät wurde nicht wie Kleidung oder Schmuck zum Objekt sozialer Distinktion. Allenfalls unterschieden sich die Materialien des Tafelgerätes. Im folgenden soll ein kleiner Einblick in das damalige Kücheninventar gegeben werden, indem nur einige wenige Geräte und Gegenstände vorgestellt werden:

Zu den Herdgeräten zählt u. a. der Feuerbock, auf den die Holzscheite gelegt wurden. Er hat die Entwicklung von einem einfachen Feldstein zu einem tongeformten Feuerbock bis hin zu einem reich verzierten Gerät genommen. Ein Begleiter des Feuerbocks war der Bratspieß, welcher in seiner frühen Geschichte ein einfacher angespitzter Stecken war, an dem das Beutetier aufgespießt und gebraten wurde. Dieses Gerät spielte schon immer eine große Rolle. Da es ständig gedreht werden musste, entwickelte man Vorrichtungen, um der Hausfrau die Arbeit zu erleichtern und ihr die Ausführung weiterer Tätigkeiten während des Bratens zu ermöglichen. In den Kochbüchern des 16., 17. und 18. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Abbildungen solcher weiterentwickelten Bratspieße. Auch der Kesselhaken zählt zu den wichtigen Herdgeräten. An ihm wurde der Kessel über die Feuerstelle gehangen. Um die Hitze zu regulieren entwickelte man ihn so weiter, dass der Kessel höher oder tiefer über dem Feuer angebracht werden konnte. Als Kochtopf diente in den meisten Fällen ein Bronzetopf mit drei Beinen für die Standfestigkeit im Feuer, der so genannte Dreifuß bzw. Grapen. Es gab auch Standringe für die einfachen Töpfe. Die Form des im 14. Jahrhundert noch eher hoch gehaltenen Topfes wurde im 15. und 16. Jahrhundert immer flacher. Pfanneneisen und Pfannengestell dienten als Unterlage und Aufhängevorrichtungen für Pfannen. Neben dem Bratspieß wurde für das Braten z. B. von Fisch später auch ein Rost oder Doppelrost verwendet, welches man direkt über das Feuer stellte.

In der Küche fanden sich neben den Herdgeräten natürlich auch die Tischgeräte: Der Teller zum Beispiel war ursprünglich nur ein Holz- bzw. Zinnbrett. Während im 15. und 16. Jahrhundert der Tellerrand noch genauso breit war wie die Tellermitte, verschmälerte er sich später immer mehr und hatte schließlich die uns heute bekannte Form. Holz und Zinn waren die typischen Materialien, aber in den höheren sozialen Schichten gehörten auch Silberteller zum Inventar. Das Besteck, das seine Bezeichnung von dem Behälter übernommen hatte, in dem man es mit sich führte, hatte im 17. Jahrhundert schon die Form, wie wir sie heute kennen. Die Form des Löffels wurde den weiterentwickelten Tischsitten angepasst. Aus dem kreisrunden Ende und dem schmalen Stiel entwickelte sie das ovale Ende mit einem breiteren Stiel, so dass man den Löffel nicht mehr mit der ganzen Faust halten musste, sondern drei Finger dazu ausreichten. Durch das Aufkommen des Kaffees und Tees im 17. Jahrhundert benötigte man neue Gefäße. Als Vorbild für die Teekannen dienten die aus China eingeführten Porzellangefäße. Die Kaffeekanne hat seit dem 18. Jahrhundert die schon bekannte S-Form. Bei dieser Kannenform verwendete man keine Fremdform als Vorlage. Da Kaffee zu der Zeit nur den oberen sozialen Schichten zugänglich war, gab es zuerst auch nur Kaffeekannen aus Silber. Später wurden auch andere Materialien wie Kupfer, Zinn, Ton und Porzellan verwendet. (Derartige Neuerungen im Bereich der Herd- und Tischgeräte wurden in der Regel zuerst in den oberen Gesellschaftsschichten aufgegriffen, doch nach einer Weile fanden sie sich auch in den Haushalten der unteren Schichten wieder, wobei sich nur die Materialien änderten.)

Weiterführende Fragestellungen:
Inwieweit lässt sich die Entwicklung der Herdstelle im Speiseplan wiederfinden?
Wie differenziert/ kompliziert wurden vor diesem technischen Hintergrund die einzelnen Gerichte zubereitet?
Welche Mythen gibt es um die Herdstelle und ihre Geräte?
Woher stammen die Innovationen und die verwendeten Materialien?
Wie sah es mit der Hygiene aus?
Wer hat in welchen Haushalten gekocht? (Unterschiede in den einzelnen sozialen Schichten?)



Literatur:
Beitl, K.: Landmöbel, Salzburg 1976.

Benker, G.: Bürgerliches Wohnen. Städtische Wohnkultur in Mitteleuropa von Gotik bis Jugendstil, München 1984.

Borst, O.: Alltagsleben im Mittelalter, Baden-Baden 1998.

Dexel, W.: Das Hausgerät Mitteleuropas. Wesen und Wandel der Formen in zwei Jahrtausenden, Berlin 1962.

Jacobeit, S.: Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes, Leipzig 1985.

Miklautz, E./ Lachmayer, H./ Eisendle, R. (Hg.): Die Küche. Zur Geschichte eines architektonischen, sozialen und imaginativen Raumes, Wien 1999.

Wiegelmann, G., Mohrmann, R. E. (Hg.): Nahrung und Tischkultur im Hanseraum, Münster 1995.

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