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Brot und Brotpolitik

Eric Piltz

Die soziale Rolle des Brotes einschätzen zu wollen kommt dem Backen eines riesigen Teiges gleich, ungeeignet um es in einer kurzen Darstellung zu bewältigen. So setze ich meinen Schwerpunkt im Frankreich des 18.Jahrhunderts, das gekennzeichnet war durch die Gleichzeitigkeit demografischen Wachstums auf der einen und der Zunahme an Hungersnöten auf der anderen Seite, deren gesellschaftliche Relevanz sich an sogenannten Hungerrevolten, Brotaufständen oder im speziellen den Mehlkriegen des Jahres 1775 messen lassen.
Ich möchte die Möglichkeit dieses Papiers nutzen, um einige Punkte anzuführen, für die im Referat selbst kein Raum ist, so die Geschichte des Brotes selbst.

Eine kurze Geschichte des Brotes
Ob man die Geschichte der Herstellung des Brotes mit einer Legende beginnt, dass die Ägypter per Zufall etwa 2000 v.u.Z. den Sauerteig entdeckten oder die Backöfen in Kleinasien anführt, die 7800 Jahre alt sind. Fest steht, dass seine Bedeutung für Ernährung und Kultur sehr alt ist. Einen Weg nahm das Brot über Israel, wo wir seine Spur in der Bibel verfolgen können, zu den Römern, deren Aufstieg sich nicht zuletzt ihrer Kornkammern wie Sizilien verdankt. Mit der Ausdehnung der Latifundien, auf denen hauptsächlich die profitablere Viehzucht betrieben wurde, stieg Roms Abhängigkeit von Getreideeinfuhren aus den Provinzen, deren Verlust zum Niedergang des Reiches beitrug. Bei der Entwicklung der Agrarwirtschaft in Mitteleuropa erwies sich die Eignung des Getreidekornes zur Vorratsbildung und als Zahlungsmittel aufgrund seiner langen Haltbarkeit. Vom Getreidekorn als Normgewicht haben wir z.B. den Begriff des Karats. Bis zur Mitte des 19.Jhs. wurden in Deutschland der Grundzins und die Steuern sowie die Löhne an Fuhrleute, Hirten und Schmiede meist in Getreide bezahlt. In großen Gebieten Mitteleuropas erfolgte erst ab der Mitte des 19.Jhs. eine Umwandlung der Naturalsteuern in Geldabgaben.
Seine Symbolhaftigkeit im Christentum entstand mit der Übernahme der Nahrungssymbole der mediterranen Welt für die eigene Religion: Brot und Wein, die die Rolle heiliger Nahrung einnahmen. Die Bedeutung des Brotes über den Nährwert hinaus zeigt sich in der (jüdischen, christlichen oder heidnischen) Verflechtung von Brotkultur, religiösen Mythen und kultischen Bräuchen.
Die Verbindung der Fleisch- mit der Brotkultur ist ebenfalls eine enge: beide genossen den Status des Grundnahrungsmittels, wobei der Rückgang des zur Verfügung stehenden Fleisches im 17.Jh. die anwachsende Bedeutung der täglichen Brotration mit bedingte.
Auch kann das Brot als Spiegel gesellschaftlicher Hierarchie gelten, als Mittel der Distinktion der Schichten: Seit dem 13.Jh. war der Weizen in Städten recht häufig, in Rom hatte er noch die herausragende Rolle gespielt. Im 16./17.Jh. aber verliert der Weizen zugunsten des Dinkels oder des méteils (Roggen-Weizen-Gemisch) sein Monopol. Dass der Roggen trotz vormaliger Geringschätzung bis ins 10./11. Jh. häufigstes Getreide war, verdankt er seiner Robustheit, seine schwarze Farbe aber war wie des Dinkels synonym mit Armut oder einfachem Leben, denn der Weizen und sein weißes Brot blieb Luxusartikel und den oberen Schichten vorbehalten.

Der Mensch lebt fast vom Brot allein
Nehmen wir die angesprochene demografische Entwicklung, so sehen wir um das Jahr 1700 ein Europa mit ca. 125 Mio. Einwohner, 145 Mio. waren es bereits Mitte des Jahrhunderts, an seinem Ende 195 Mio. Europa schien in die malthusianische Falle zu tappen. Tatsächlich scheinen die härtesten Hungerjahre, seit dem 11. Jh., auf das 18.Jahrhundert zu fallen, was aber nicht den Rückgang des demografischen Wachstums bewirkt hat: die Leute hungerten, ohne zu verhungern. Auf die neue Ernährungslage wurde mit der Ausdehnung der Anbauflächen geantwortet. Dies zeigte den Übergang zu zunehmender Kultivierung der Landwirtschaft, was die einstmalige Zweiteilung von Weiden und Wälder als Wirtschaftsform ablöste.
Wer in dieser Zeit Hungersnot sagte, sagte Kornknappheit. Fielen die Ernten schlecht aus, fehlte es an Brot, und das bedeutete Hunger. Das Brot der Bauern war zumeist – wie oben erwähnt - mit minderwertigem Korn versehen: In der Stadt galten sie als Hungerbrote, auf dem Land waren sie dagegen die Regel, auch die reichen Bauern brachten oftmals den Weizen und z. T. den Roggen auf den Markt, während für den Eigenbedarf Hülsenfrüchte und Kastanien zurückblieben.
Im Ganzen aber hatte die Kalorienzufuhr durch Korn einen Anteil von nie weniger als 50%, ja bis zu 75%, was die Härte der Hungerperioden verdeutlicht – besonders während und gravierend nach Ende des 30jährigen Krieges.
In Krisenzeiten zog es die Armen und Bettler in die Städte, was die städtische Nahrungsversorgung vor Probleme stellte. Was entsteht ist die Rolle des Königs als obersten Garanten für die Versorgung der Untertanen. (1791 flüchtet der König als Bäcker aus Paris, in eben solcher Verkleidung.)
Spricht man vom Brot, so kommt man eben nicht umhin, vom Hunger zu sprechen. Zahlreiche Beispiele finden sich wie 1573 in Troyes, als sich die Stadt mit Hungernden füllte. Die unmittelbare Reaktion war, Brot in großen Mengen zu backen - um die "Gäste" dann hinauszujagen. Das, was Fernand Braudel bürgerliche Grausamkeit nennt, verschärfte sich gegen Ende des 16. und im 17.Jahrhundert noch. Was im 18.Jahrhundert dazukam, wie berichtet, einer Zeit immer wiederkehrender Nahrungsengpässe und Hungersnöte, war die Entwicklung und Implementierung des Kapitalismus, der solch unbekannte Dinge wie Freihandel und Preisschwankungen mit sich brachte. Das Beispiel einer Volksbewegung, die für die Übergangsphase

«Non habitant simul pudor et fames.»
Wenn Quintilian sagt, dass Scham und Hunger nicht beisammen wohnen, dann meint er nichts anderes als die sinkende Hemmschwelle, gegen den eigenen Hunger anzukämpfen. Ein herausragendes Beispiel für die zahlreichen Plünderungen von Bäckereien und Teuerungsaufstände findet sich im sogenannten Mehlkrieg, der guerre des farines, vom April und Mai 1775. Zwei ungünstige Bedingungen trafen aufeinander: eine miserable Ernte 1774 mit folgender Kornknappheit und die Freihandelspolitik des Finanzministers Turgot, die in ihrer Kombination die Preise für Getreide und Brot hochtrieben. Nach ersten Protesten und Weigerungen, das Getreide zu einem empfundenen gerechten Preis zu verkaufen, wurden die Händler schließlich von der aufgebrachten Menge aus Dorfbewohnern und Bauern gezwungen, diesen doch einzuführen. Diese Bewegung begann am 27.April in Beaumont-sur-Oise (30 km nördlich von Paris) und breitete sich alsbald in der Ile de France und den umliegenden Provinzen aus, sie richtete sich gegen Gutspächter, wohlhabende Bauern, Kornhändler, Müller und Bäcker.
Kurzum: Es war ein spontaner Aufstand, der zu keiner Zeit mit einem politischen Inhalt versehen wurde und sich damit auch von den Teuerungsaufständen der Französischen Revolution unterscheidet. Der Erfolg der kollektiven Aktion bestand in der Durchsetzung einer inoffiziellen Preiskontrolle, der taxation populaire.

Der gerechte Preis
Die Vorstellung eines gerechten Preises rekurriert auf althergebrachte Bräuche, den König oder Gutsherrn als Schutzherrn auch über das Brot anzusehen; verfehlte er seine Aufgabe, nahmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand ohne politische Absichten zu hegen. Diese Art moralische Ökonomie war noch in den Köpfen verankert, als ein Physiokrat wie Turgot auf die Marktgesetze setzte. Man muss sich vor Augen führen, dass die ökonomische Rationalität, die Selbstverständlichkeit, die Arbeit als wichtigen Teil des Lebens in die Logik des Marktes zu stellen, ganz simpel gesagt unbekannt war. "It is possible to detect in almost every eighteenth-century crowd action some legitimising notion." Unter Legitimation verstehen wir, dass die Männer und Frauen: "were informed by the belief that they were defending traditional rights or customs; and, in general, that they were supported by the wider consensus of the community." (Thompson, Customs in Common, S.188)
Nimmt man das Elend und den Hunger vom 16.-18. Jh. als chronisch und endemisch, so erklärt sich der häufige Topos des menschlichen Verfalls in Fresken und der Literatur durch den herrschenden Nahrungsnotstand – und das Brot war sein Indikator.

Literatur
Becher, Ursula J.: Sozialgeschichte der Lebensformen als Forschungsproblem, IN: Geschichtswissenschaft vor 2000. Perspektiven der Historiographiegeschichte, Geschichtstheorie, Sozial- und Kulturgeschichte. Festschrift für Georg G. Iggers zum 65. Geburtstag (=Beiträge zur Geschichtskultur Band 5), hrsg. von Konrad H. Jarausch u.a., Hagen 1991, S.381-398.

Camporesi, Piero: Das Brot der Träume. Hunger und Halluzinationen im vorindustriellen Europa, Frankfurt a.M./New York 1990.

Hobsbawm, Eric: Ungewöhnliche Menschen. Über Widerstand, Rebellion und Jazz, München, Wien 2001.

Kaplan, Steven L.: Le meilleur pain du monde. Les boulangers des Paris au XVIIIe siècle, Paris 1996.

Kaschuba, Wolfgang: "Wir sind das Volk!" Neue Sichtweisen der Volkskultur in Geschichte und Gegenwart, IN: Geschichtswissenschaft vor 2000. Perspektiven der Historiographiegeschichte, Geschichtstheorie, Sozial- und Kulturgeschichte. Festschrift für Georg G. Iggers zum 65.Geburtstag (=Beiträge zur Geschichtskultur Band 5), hrsg. von Konrad H. Jarausch u.a., Hagen 1991, S.399-417.

Meyer, Jean: Frankreich im Zeitalter des Absolutismus 1515 – 1789 (=Geschichte Frankreichs, Band 3), Stuttgart 1990.

Montanari, Massimo: Der Hunger und der Überfluß. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, München 1999.

Nicolas, Jean: La Rébellion Française. Mouvements populaires et conscience sociale (1661-1789), Paris 2002.

Rudé, George: Die Volksmassen in der Geschichte. Unruhen, Aufstände und Revolutionen in England und Frankreich 1730 - 1848 , 2.Auflage, Frankfurt 1979.

Thompson, Edward P.: Customs in Common, New York 1991.

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