Arndt -
einmal
anders

Arndt
im Kreise des Freiherrn vom Stein
Eine Gruppe von Männern um die Person des
Freiherrn vom Stein machte es sich in den Jahren 1812 - 1815 zur Aufgabe eine Volkserhebung
in den deutschen Gebieten vorzubereiten. Der Freiherr vom Stein war sich
darüber bewußt, daß es zuvor darauf ankam, eine Energiequelle zu finden, die
es ermöglichte den französischen Truppen eine gleichwertige Kampfkraft
entgegenzustellen. Dazu bedurfte es einer aufwendigen Propaganda.
Für den Transport seiner Idee in die deutschen Gebiete versammelte Stein
eine Reihe von Schriftstellern und Publizisten um sich. Diese sollten die
theoretische Vorstellung einer gesamtdeutschen Erhebung in ihren Schriften
formulieren und sie so den breiten Volksschichten nahe bringen. Zu diesem Kreis zählten unter anderen Johann Gottlieb Fichte, Heinrich von Kleist,
Theodor Körner und schließlich Ernst Moritz Arndt.
Letzterer war 1812 von Stein zu sich nach St.
Petersburg gerufen worden. Der Reichsfreiherr war auf Arndt aufmerksam geworden, er galt in
seiner Publizistik als volksnah und durch seine beiden Werke Geist der Zeit
I - II, die bis dahin vorlagen, war ihm sein Ruf als patriotischer Enthusiast
und entschiedener Franzosengegner bis nach Rußland vorausgeeilt. Im Dienste
Steins war es Arndts Aufgabe allgemein verständliche und massenwirksame
Schriften, mit dem Ziel der Bekämpfung der französischen Besatzung, zu
verfassen. Aus dem russischen Exil war es leichter napoleonfeindliche Propaganda
unzensiert in die deutschen Gebiet zu transportieren.
Arndt und sein Völkerhaß
"Haß gegen die Fremden, Haß gegen die Franzosen,
[...]brennender Haß gegen alles, was nur von ihnen kommt, das muß alles Deutsche fest und brüderlich vereinen
[...]"
*Arndt (S. 169, V. 12-16).
Trotz seines publizistischen Beitrages zur Befreiung der
deutschen Gebiete ist Arndt eine zwiespältige Figur. Die Kritik Arndts an
Napoleon und an der französischen Besatzung ging weit über das Maß seiner
patriotischen Kollegen hinaus. Er predigte Haß, und diesen wollte er keineswegs
nur auf die napoleonischen Truppen bezogen wissen. Arndt schürte eine Art
Volkshaß
gegen Napoleon und mit diesem gegen alle Franzosen. Diesen Haß begründete er
nicht etwa aus dem politischen Geschehen heraus, sondern aus dem vermeintlich
minderwertigem Volkscharakter der Franzosen. Arndt hatte es sich als Publizist
währenden den Befreiungskriegen zum Ziel gemacht die Erfahrung der
unmittelbaren Unterdrückung durch die napoleonischen Truppen in das Gefühl
einer kollektiven Bedrohung zu übertragen. Diese Bedrohung war für ihn nicht
nur Napoleon, sondern auch das französische Volk.
Arndt im Fokus
Die folgende Untersuchung widmet sich zwei Flugschriften
Arndts aus dieser Zeit. Dies ist zum einen die Flugschrift An die Preußen,
die zuerst als Einzeldruck in Königsberg anonym Ende Januar 1813 erschienen
war. In dieser wandte sich Arndt speziell an die Preußen und forderte sie zur
Erhebung gegen Napoleon auf. Eine Flugschrift die in krasser Weise zum Haß
gegen Frankreich und Napoleon aufruft. Die zweite Flugschrift der Untersuchung
gehört zu den bekanntesten von Arndt. Was bedeutet Landsturm und Landwehr?
erschien als anonymer Druck im Februar 1813 erstmals in Königsberg und später
in verschiedenen deutschen Gebieten. Sie gehört zu den Flugschriften die in den
Jahren 1813-1815 eine Massenauflage von circa 76 000-100 000 Stück erreichte, dazu kamen
Nachdrucke in Zeitungen und anderen Flugschriftensammlungen. Nach ersten Erfolgen der
Volksbewaffnung in anderen Ländern, sollte dieses Modell auf die deutschen
Gebiete übertragen werden. Arndt sah die Möglichkeit der Befreiung durch die
Volksbewaffnung, die sich aus Landsturm und Landwehr zusammensetzte. Die Schrift
trägt eher instruierenden Charakter. Arndt formuliert sein Programm der
Volksbewaffnung. Um Ernst Moritz Arndt in den Bereich der Publizistik der
Befreiungskriege einordnen zu können, sollen seine Flugschriften mit einem
ähnlichen Aufruf von Theodor Körner verglichen werden. Dieser wandte sich mit
der Flugschrift An das Volk der Sachsen, die am 5. April
1813 anonym in Dresden erschien, an das sächsische Volk.
Aufmachung und Zensur
Eine Gemeinsamkeit aller drei Flugschriften ist ihre simple
Aufmachung. Es handelt sich um optisch anspruchslose Drucke, die völlig auf
Illustrationen oder Verziehrungen verzichten. Diese Beobachtung verweist auf
zweierlei. Erstens muß hinter der einfachen Aufmachung die Absicht der
Verfasser vermutet werden, den Druck ihrer Schriften so billig und unkompliziert
wie möglich zu halten. So war es möglich mehrere Exemplare kostengünstig zu
vervielfältigen und das mit geringen technischen Aufwand, so daß selbst
kleinere, nicht selten auch illegale, Druckereien die Schriften in ihr
Druckprogramm aufnehmen konnten. Zweitens folgt aus dieser Beobachtung, daß Arndt
und auch Körner den Kern ihrer Aussage in den Inhalt der Flugschriften
verlagern. Die äußere Erscheinung allein läßt keinerlei Rückschlüsse auf
den Inhalt zu. War dies eine Strategie um dem strengen Augen der Zensurbehörden
zu entgehen? Eine Vermutung die berechtigt erscheint. Es ist davon auszugehen,
daß Arndts politische Schriften in den Jahren 1807 bis 1814 in Deutschland nur
im Untergrund verbreitet werden konnten. Bei den staatlichen Zensoren galt Arndt
als besonders anstößig. Er kritisierte nicht nur offen Napoleon, sondern
hielt sich auch gegenüber deutschen Fürsten und ihren Ministern nicht zurück.
Sein radikaler Nationalismus stieß bei den staatlichen Behörden auf Ablehnung.
Kampfaufrufe gegen einen außenpolitischen Gegner waren das eine, innenpolitische Kritik
aber galt als volksaufwieglerisch und revolutionär. Eine Mobilisierung der
breiter Bevölkerungsmassen war nicht erwünscht. Das Volk sollte statt
dessen im ruhigen Vertrauen auf den Monarchen bestärkt werden.
Arndt nutzte
sämtliche Lücken um die gefürchtete Vorzensur zu umgehen. Waren die Schriften
erst einmal gedruckt, konnten spätere Verkaufsverbote nur noch wenig
unterbinden. Im russischen Exil 1812 fand Arndt unter dem Einfluss des Freiherrn
vom Stein genügend Bewegungsfreiheit für publizistische
Tätigkeiten. Die antinapoleonisch russische Regierung unterstütze die
Verbreitung arndtscher Schriften in den deutschen Gebieten. Ab dem Frühjahr
1813 erschienen Arndts Schriften unter der Druckerlaubnis des Freiherrn vom
Stein in Königsberg. Der Buchhändler Friedrich Nicolovius, ein krasser Juden-
und Franzosenhasser, verlegte dort seine Schriften.
Ein anderes Problem, das die
Kriegsjahre mit sich brachten, war der teilweise völlig zum Erliegen gekommene
Literaturbetrieb. Die Schwierigkeit bestand nun darin, die im Exil produzierten
Flugschriften in die deutschen Gebiete einzuschleusen. Arndt war selbst aktiv an
der Verbreitung seiner Publizistik beteiligt. Er versandte seine Schriften an
Freunde und Bekannte, verschenkte sie in großen Mengen und streute sie in
höheren Auflagen aus. Freunde, politisch Gleichgesinnte und auch Mitglieder der
steinschen Verwaltung unterstützten Arndt dabei. Selbst Truppenführer und
Behörden, die für die Aufstellung der Landwehrverbände verantwortlich waren,
griffen zu Arndts Was bedeutet Landsturm und Landwehr? und ließen sie
möglichst vielen Bürgern zukommen. So wurden Arndts Flugschriften im Jahr 1813
größtenteils insgeheim von Hand zu Hand kolportiert. Zensur und Polizeiverbot
konnten insgesamt nur wenig gegen die Verbreitung ausrichten. Ein wesentlicher
Vorteil der Flugschriften war ihre rasche Ausbreitung. Arndt arbeitete bewußt
nur mit patriotisch gesinnten Verlegern zusammen. Sie unterstützten seine
Schriften aus politischer Sympathie und verzichteten schon einmal auf den
finanziellen Erfolg. Sie ermöglichten hohe Auflagen zu günstigen Preisen.
Niedrige Produktionskosten wiederum machten die Flugschriften für den normalen
Handwerker, Soldaten oder Bauern zugänglich. So konnten sie auch die unteren
Schichten erreichen und sich rasch über alle deutsche Gebiete ausbreiten.
Arndt, An die Preußen
Königsberg, Ende Januar
1813
In seinem Aufruf An die Preußen wendet sich Arndt im
Januar 1813, wie der Titel schon vermuten läßt, direkt an die Preußen. Mit
den Worten "Wackere Preußen! Geliebte Landsleute!"(S.165,
V. 1) beginnt Arndt seinen Aufruf. Er bezieht ausnahmslos die gesamte
preußische Bevölkerung ein. Jeder Bewohner des preußischen Gebietes ist
angesprochen. Damit ist eine wichtige Kategorie der Flugschriftengattung
erfüllt. Arndt begrenzt seinen Aufruf nicht auf eine bestimmte soziale Gruppe,
sondern wendet sich an ein anonymes und heterogenes Publikum. Das primäre Ziel
ist es, den Mythos Napoleons zu demontieren. Die Angst in der preußischen
Bevölkerung vor dem französischen Feldherrn, der ganz Europa in Unruhe
versetzt, soll abgebaut werden. Er zeigt wie und daß es möglich ist Napoleon zu
besiegen. Das zweite Ziel, welches die Schrift verfolgt, ist es die Bevölkerung
zu einer einheitlichen und politisierten Kraft zu vereinen. Sämtliche Bereiche
der preußischen Bevölkerung werden aufgerufen sich am Aufstand gegen die
französischen Truppen zu beteiligen. Was diese verschiedenen sozialen Gruppen,
mit ihren unterschiedlichen politischen Interessen vereinen soll, ist der
gemeinsame Feind. Dieser wird von Arndt zu einer Gefahr stilisiert, die das
bedroht, was Arndt vereint wissen will - ein deutsches Nationalgefühl.
Für seine Argumentation greift er ein aktuelles politisches
Thema auf. Napoleons Rußlandfeldzug 1812. Er war die Wende im politischen und
militärischen Schicksal des Korsen. Nachdem er seine Grande Armée bis vor die
Tore Moskaus geführt hatte, gelang ihm der erhoffte Friedensschluß mit dem russischen Zaren nicht. Die Folge war ein
siegloser und verlustreicher Rückzug
der französischen Truppen. Arndt verbindet nun dieses politische Ereignis mit
religiösen Motiven. Er stilisiert die Niederlage Napoleons in Rußland als
"fürchterliches Gericht" Gottes, der "die Bösen
geblendet, gestraft, zerschmettert" hat, "damit die Guten sich
erheben und ermannen können" (S. 165, V. 3-7).
Damit stellt Arndt ein politisches Ereignis als von Gott gelenktes Schicksal
dar. Gott erscheint als Weltenlenker, als Rächer und Helfer der Preußen. Er
teilt die Welt in Gut und Böse. Zum Ende seiner Schrift fordert Arndt sogar:
"[...] auf mit euren Herzen zum deutschen Gott [...]"(S.
170, V. 4f.). Spätestens hier bewegt sich Arndt, aus heutiger Sicht, an
die Grenze der allgemeinen christlichen Auffassung von einem Gott der Liebe, der
keine nationalen Unterschiede kennt. Arndt verbindet religiöse Inhalte des
Christentums mit politischen Motiven des Nationalismus.
Mythos Napoleon demontieren
Arndt fährt mit der Demontage Napoleons fort. Diese
fließt bereits in die Schilderung der politischen Vorgänge in Rußland ein. Den
Mythos Napoleons beschreibt Arndt mit, in großen Lettern gedruckten,
Schlagworten. "[...] der Unbezwingliche, der Unbesiegliche, der
Weltbefreier, der Zeitverjünger [...]"(S.165, V.
25f.).
Dieser Mythos, der nur noch wenig mit der authentischen Person Napoleons gemein
hat, wird demontiert, zu einem fliehenden Feldherrn, der sich von "[...]
Wuth und Rache und Hunger und Pest, das Schwerdt der Russen, und Gott
[...]"(S. 167, V. 32f.) geschlagen zurückzieht.
Napoleon wird als blutiges Ungeheuer, als "giftige[r] Bauch der
Boa-Schlange" (S. 165, V. 16) mit tierbildlichen
Attributen diskreditiert. Weiterhin werden politische Laster und Verbrechen
Napoleons als Vorzeichen seines Unterganges gedeutet. In seinen Legionen werden
"[...] Unordnung, Ungehorsam, Uebermuth, Wollust, Weichlichkeit,
Habsucht, Grausamkeit, Verruchtheit, [und] Schande [...]"
(S.
166, V. 5-7) angeprangert. Die Versklavung aller Völker und die
Schändung aller Monarchien Europas wird ihm zur Last gelegt. All dies stilisiert
Arndt als, wie er es nennt, "[...]gewisse Zeichen des Umsturzes, in dem
Tyrannen und seinen verbrecherischen Großschergen [...]"(S.
166, V. 12f.). Die Niederlage im Rußlandfeldzug und die negativen
Vorzeichen versteht Arndt als Ankündigung eines Umsturzes. Mit diesem Umsturz
wiederum beginnt nach Arndts Sicht eine neue Zeit, "[...] eine große und
herrliche deutsche Zeit [...]"(S. 169, V. 8f.).
Arndt meint zweierlei. Zum einen die neue deutsche Zeit nach der
Befreiung von den französischen Besatzungstruppen, die Befreiung der deutschen
Gebiete. Und zum Zweiten eine neue deutsche Zeit im Sinne einer neuen
Struktur der deutschen Gebiete. Die Einheit nach der Befreiung. Doch was führt
Arndt an, das es möglich machen sollte, die zersplitterten deutschen Territorien
und die darin lebende Bevölkerung zu vereinen?

Mythos Napoleons in
zeitgenössischen Darstellungen
Demontage des Mythos Napoleons
in Karikaturen 1812-1815
sämtliche Karikaturen aus: Scheffler, Sabine:
So zerstieben getraeumte Weltreiche. Napoleon in der deutschen Karikatur,
Stuttgart 1995.

Haß!
"Haß gegen die Fremden, Haß gegen die Franzosen,
[...]brennender Haß gegen alles, was nur von ihnen kommt, das", so
Arndt, "muß alles Deutsche fest und brüderlich vereinen
[...]"(S. 169, V. 12-16). Was Arndt hier
heraufbeschwört ist Völkerhaß. Es ist weit mehr nur als Verbitterung über die
widrigen Umstände der deutschen Gebiete unter französischer Besatzung. Sein Haß
will er nicht gegen Napoleon allein gerichtet wissen, sondern gegen das gesamte
französische Volk. Dieser Haß wirkt in Arndts Flugschrift als konstituierender
Faktor, denn in dem Haß auf Frankreich sollen sich alle Deutschen als ein Volk
empfinden. Eine fragwürdige Strategie, die auch in der Formel Selbstdefinition
durch Feindmarkierung (Lutz Hoffmann) ausgedrückt wird. Arndt traut seinen Landsleuten
nicht zu, daß sie sich ihren Volksbegriff aus sich selbst heraus bilden. Er
will den Volksbegriff von außen, durch den Haß auf ein andere Nation, in sein
eigenes Volk hinein holen. Demnach würden Arndts Deutsche nur durch
den Haß auf Frankreich existieren, er billigt also dem vermeintlichen Feind eine
konstituierende Funktion für die deutsche Volkwerdung zu. Darin liegt die
Inkonsequenz seiner Argumentation. Um diese Folgewidrigkeit zu verdecken, verlagert
Arndt die Entstehung seines deutschen Volkes in die Vergangenheit
zurück, an einen Zeitpunkt vor Auftauchen des Gegners. Dadurch wird dieser zu
einem sekundären Phänomen, der die bestehende Einheit stört. Besonders
deutlich wird dies an den Stellen im Text, an denen sich Arndt auf die "Schatten
[der] edlen Vorfahren"(S. 168, V. 38) bezieht.
Er meint die Zeit der Väter, eine nicht näher beschriebene, aber idealisierte
Vorzeit. An diesen Stellen begegnen wir einem der charakteristischen Merkmale der
arndtschen Publizistik, es ist ihre Idealisierung der Vorzeit. Eine Tatsache,
die angesichts seines Aufrufes zu einer "neue[n] Zeit"(S.
169, V. 8) merkwürdig, wenn nicht sogar widersinnig erscheint. Dieser
Zusammenhang muß differenziert betrachtet werden. Im staatlichen Bereich
gehörte Arndt jener Gruppe um den Freiherrn von Stein an, die es sich zur
Aufgabe gemacht hatte, mit zahlreichen Reformen den preußischen Staat zu
restaurieren. In diesem Bereich erkannte Arndt an, daß eine Erhaltung Preußens
nur in Anpassung an die Gegenwart möglich war. In seiner völkischen
Philosophie jedoch, sah er die Eigenarten eines Volkes ungebrochen an seine
Vorzeit gebunden, auch wenn sich die staatlichen Institutionen im Laufe der Zeit
wandeln.
Arndt, Was bedeutet Landsturm und Landwehr?
Königsberg, Februar
1813
Im Februar 1813, nicht ganz einen Monat nach
Veröffentlichung seines Aufrufes An die Preußen, gab Arndt
eine seiner populärsten Flugschriften heraus. Was bedeutet Landsturm und Landwehr?
erschien erstmals anonym in Königsberg. Sie erreichte bis 1819 eine Auflage von
schätzungsweise 76 000 - 100 000 Stück und ist damit die meistgedruckte
Flugschrift Arndt’s. In den Wiener Zensurakten vom Mai 1813 wird diese
Flugschrift mit dem Vermerk "erga schedam" (lat.: feindliches
Blatt Papier) geführt. Die
Schrift ist in Österreich verboten worden. Sie ist in den gleichen historischen
Kontext einzuordnen, wie der Aufruf An die Preußen. Nur das vorrangige
Thema ist anders gelagert. In erster Linie geht es um die preußische
Militärreform. Letztendlich jedoch, geht es wie zuvor schon um die Erhebung
gegen Napoleon.
Die preußische Militärreform vollzog sich über einen
längeren Zeitraum von 1807 bis 1814. Sie war der Versuch, das aus dem
Absolutismus überkommene Militärproblem zu lösen. Bisher waren militärische
Auseinandersetzungen mit den stehenden Heeren der Landesherren entschieden
worden. Der Bauer, Handwerker und Bürger war davon nicht berührt, er ging
ungestört seiner Tätigkeit nach und sorgte so für die Ernährung des
Militärs. Er kämpfte nicht für die Fürsten, sondern ernährte ihre Kriege.
Dies sollte sich ändern. Mißstände des despotischen Militärsystems sollten
behoben werden. Der Bürger sollte von nun an als Soldat kämpfen. Nicht als
Untertan seines Herren, sondern in eigener Sache als Staatsbürger "[...] für
das Vaterland und für die Freiheit [...]"(S. 178, V.
30). Zwei Bereiche, die im absolutistischen Staat voneinander getrennt
waren, sollten nun vereint werden - Volk und Militär, Bürger und Soldat. Ziele
waren die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, das Ende aller Privilegien
des Militärs und damit die Einfügung desselben in die Staatsverfassung. Wegen
des Steckenbleibens der restlichen preußischen Reformen, konnten diese Ideen im
preußischen Wehrgesetzt 1814 aber nicht vollständig umgesetzt werden.
Reaktionärer Beitrag zu einer liberalen Reform
Arndt konzentriert sich in seiner Flugschrift auf die
Verbindung von Volk und Militär. Er stellt ein Programm für eine
Volksbewaffnung auf, die er in den Landsturm und die Landwehr unterteilt. Er
liefert seinen Beitrag zu den Diskussionen um die Militärreform. Der Landsturm
sollte das letzte Aufgebot aller Wehrpflichtigen und vom Wehrdienst
Zurückgestellten erfassen. Mit ihm sollten Gebiete in unmittelbarer Nähe
verteidigt werden. In die Landwehr wollte Arndt alle Männer zwischen 20 und 35
Jahren einziehen. Sie sollten bewaffnet werden und zur überterritorialen
Fronverstärkung herangezogen werden. Der Landsturm sollte eher provisorischen
Charakters sein. "Er ist bloß bestimmt, die Landschaften und den
nächsten eigenen Herd zu beschützen [...] Sie sind dem Feinde ein
furchtbares Heer, weit furchtbarer als ordentliche Soldaten, weil sie
allenthalben und nirgend sind, weil sie immer verschwinden und immer wieder
kommen"(S. 176, V. 12-23). Er sollte weder feste
Strukturen noch ordentliche Soldaten besitzen. Militärischer dagegen sollte die
Landwehr strukturiert sein - feste Altersgrenzen, militärische Ausbildung und
eine konkrete Aufgabe. "Sie wird ordentlich soldatisch geübt und
bewaffnet, und ist bestimmt, [...] weiter auszuziehen und das wirkliche
Kriegsheer zu verstärken"(S. 176, V. 3-7). Bis
hierhin geht Arndt mit damals gängigen Vorstellungen konform. Das
Ungewöhnliche und Eigensinnige an seinem Programm führt Arndt einige Zeilen
später an, als er konkrete Anweisungen für den Landsturm und die Landwehr
formuliert. Durch diese erhält sein Beitrag zu einer liberalen Militärreform,
die überkommene Strukturen beseitigen will, einen eher reaktionären Charakter.
Doch in diesem Widerspruch bleibt sich Arndt zumindest seinem politisch
konservativen Standpunkt treu. Die Volksbewaffnung will er eng an eine tiefe
Religiösität gebunden wissen. Immer wieder steht am Beginn einer jeden
militärischen Aktion ein feierlicher Gottesdienst und ein Gebet. "Beim
Eintritt in die Landwehr wird ein theurer und fester Eid geleistet
[...]
und vorher feierlicher Gottesdienst und Einsegnung [...]. "(S.
179, V. 18-21). "[H] eilige[s] Abendmahl zum christlichen
Gedächtnis [...] und christliche Freudigkeit"(S.
179, V. 26f.), gehören ebenso zur Volksbewaffnung wie "Krieg für
das Vaterland [...] (S. 178, V. 42), Büchsen
Flinten Speere Keulen Sensen [und] alle Kriegskünste Listen und
Hinterlisten [...]"(S. 176, V. 28-30).
Befreiungskriege und Kreuzzugsideologie
Doch damit nicht genug. Noch widersinniger muten die Inhalte
der geplanten Gottesdienste an. An keiner Stelle erwähnt Arndt, daß etwa, wie
anzunehmen, in der Bibel gelesen wird. Ihm geht es eher darum, den jungen
Soldaten klar zu machen, "[...] was Krieg überhaupt und Krieg für das
Vaterland und gegen die Franzosen bedeutet [und] daß der Tod für das
Vaterland im Himmel und auf Erden ein großes Lob ist [...]" (S.
178f., V. 42ff.). Arndt schürt den Nationalstolz und verherrlicht den
Märtyrertod. Die Befreiung der deutschen Gebiete stilisiert er zu einem
heiligen Krieg. Er propagiert den Tod für das Vaterland und für die Sache
Gottes. "[...] geht so mit Gott, wie er es will, in den Sieg oder in den
Tod" (S. 179, V. 27f.). Eine gefährliche
Propaganda. Das Ganze erinnert stark an die Kreuzzugsideologie. Auch hier wurde
den ausziehenden Kämpfern himmlische Belohnung verheißen, wenn sie für die
Sache Gottes sterben. Arndt greift auf bewährte Argumentationsmuster zurück.
Er verbindet ein politisches Ziel mit religiösen Motiven, um die Wirkung zu
verstärken. Wie kann es ihm anders gelingen, Männer in allen deutschen
Gebieten aus ihrem bisherigen Umfeld zu lösen, sie von ihrer täglichen Arbeit
wegzuholen und für den Kampf, für die Befreiung der deutschen Gebiete zu
begeistern. Arndt wirbt nicht mit finanzieller Entschädigung oder weltlicher
Belohnung. Er verspricht denen Freiheit, Frieden und Seelenheil, die seinem
Aufruf folgen. Die Verbindung von Religiösität und Politik wird in den
Symbolen, die Arndt dem Landsturm und der Landwehr zuweist, noch einmal
verdeutlicht. Ein Symbol zeigt ein Kreuz, woran ein Schwert hängt. Dabei soll
das Kreuz für die Heiligkeit der Sache und das Schwert für den Krieg gegen die
Besatzer stehen (S. 179, V. 41f.). Die Funktion des gemeinsamen Symbols ist die Vereinigung aller
Kämpfenden. Die verschiedenen Verbände, aus welchem der deutschen Gebiete sie
auch immer kommen, kämpfen unter dem selben Symbol, das sie einen soll. Damit
soll die Zersplitterung der deutschen Gebiete überwunden werden.
"Also Volkskrieg muß sein, [...]"
Erst am Ende seiner Flugschrift, im letzten Absatz
platziert
Arndt seinen konkreten Aufruf an alle Deutschen. "Teutsche Landsleute!
[...] Auf denn alle! [...] Auf, ihr Herren und Edle, ihr Freie und
Bürger, ihr Landleute und Bauern! [...] auf alle! Helfet ratet redet
handelt! " (S. 180, V. 30ff.). Der Aufruf ist
unkonkret. Obwohl sich die letzten acht Sätze durchgehend im Imperativ an den
Leser richten, wird lediglich eine Richtung vorgegeben. "Auf denn alle!" Es wirkt als wolle Arndt seine Leser wachrütteln, aus dem Schockzustand in den
sie von Napoleon versetzt wurden. Arndt mobilisiert und gibt die Richtung an -
vorwärts. Russland, Spanien und Tirol führt er als Wegweiser an, denen es zu
folgen gilt. "Spanien und Rußland gingen euch im Volkskriege voran,
[...] Die Tiroler gingen euch voran [...]" (S. 180, V.
30f.). Arndt will seine Landsleute aus der Passivität herausholen. Er
fordert Aktion statt Regression. "Auf alle! helfet ratet redet handelt!"
(S.
180, V. 42f.). Bringt man nun diese Tatsache mit einer, einige Abschnitte
zurückliegenden, Passage in Verbindung, so wird der Aufruf doch noch etwas
konkreter. "Also Volkskrieg muß sein, [...]. Dies ist allen
teutschen Männern Ehre und Pflicht." (S. 177, V. 16-18)
posaunt Arndt an dieser Stelle lauthals. Einen Absatz später heißt es:
"[...] Haß gegen die Franzosen, Krieg gegen die Franzosen
[...]" (S. 177, V. 33f.). In seinen Appellen hält
Arndt an alt bewährten Argumentationsmustern fest. Wie auch schon in seinem
Aufruf An die Preußen führt er den Volkshaß ins Feld. Jetzt geht er
jedoch noch einen Schritt weiter und fordert den Volkskrieg gegen alle
Franzosen. In dieser Hinsicht ist Arndt von allen anderen Publizisten, die zur
Befreiung der deutschen Gebiete aufrufen, zu unterscheiden. Er wirbt nicht für
einen Befreiungskrieg, der sich nur gegen die Besatzungstruppen in den deutschen
Gebieten richtet, sondern er propagiert einen Volkskrieg, der sich gegen das
gesamte französische Volk richtet. Die Grundlage dieses Krieges ist nicht in
erster Linie die Verbitterung über die französische Besatzung, sondern
"[...] Haß gegen die Franzosen,[...]" (S. 177,
V. 33). Wenige Zeilen zuvor, wo sich Arndt mit der Widereroberung der
ursprünglichen Rhein-Grenze beschäftigt klingt seine eigentliche Intention
durch. Er fürchtet die Vormachtstellung Frankreichs in Europa, wenn die
Wiedereroberung der alten Grenze nicht das Hauptziel des Krieges wird. "Frankreich
bleibt der gebietende Statt in Europa, wenn es den Rhein behält, [...] wenn
seine Wiedereroberung nicht das große allgemeine Ziel des Krieges wird
[...]" (S. 177, V. 7-11). Damit erhält sein
Volkskrieg noch eine andere Komponente. Unter dem Deckmantel der
Befreiungskriege verbirgt sich ein Territorialkrieg mit imperialistischen
Absichten.
Überlegungen zur Wirkung
Der Einfluß einer Flugschrift auf ihre Rezipienten ist der
erzielte Effekt auf den sie in ihrer gesamten Anlage hinausläuft. Aufmachung,
Argumentation, Wahl des Adressatenkreises und selbst die Auflagenhöhe verfolgen
nur ein Ziel - Agitation.
Wir haben gesehen mit welchen Themen Arndt sich an sein
Publikum wendet und wie er versucht die Wirksamkeit zu erhöhen. Arndts Thema
ist die Erhebung gegen Napoleon. Er ruft die Preußen dazu auf. Um die Wirkung
seines Aufrufes zu erhöhen baut er Katalysatoren ein. Die Niederlage Napoleons
im Russlandfeldzug und die Tatsache, daß Gott über ihn gerichtet hat,
unterstreichen seine Intention. Arndt wählt bewußt Themen, die bei seinen
Rezipienten Emotionen hervorrufen. Abneigung, sogar Haß gegen Napoleon und
Liebe zum Vaterland. Politische Themen verbindet er mit religiösen Motiven, die
in einer christlich geprägten Kultur ihre Wirkung kaum verfehlen. Besonders im
ungebildeten Publikum, einfachen Soldaten, Bauern und Taglöhnern, die von der
säkularisierenden Wirkung der Aufklärung kaum erreicht wurden. Im gesamten
Text seines Aufrufes weist nichts darauf hin, daß Arndt sein Publikum in
irgendeiner Weise zu weiterführenden Kommunikation anregt. Es muß eher davon
ausgegangen werden, daß die Themen und der polemische Charakter des Aufrufes
starke Reaktionen im Publikum hervorgerufen haben. Arndt polarisierte stark. Das
Urteil der zeitgenössischen Presse über ihn war zwiespältig. Er stieß auf
heftige Gegenwehr, aber auch auf Zuspruch. Dies zeigt, Arndt wurde stark
diskutiert, er und seine Flugschriften waren in der Öffentlichkeit präsent. So
konnte er in Kreisen diskutiert werden, die nicht einmal die Flugschriften an
sich gelesen hatten.
Um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, verfährt
Arndt nach dem Prinzip der geistigen Vereinfachung. Er verzichtet in seiner
Darstellung völlig auf Gegenargumente. Um seine Position zu sichern, gibt er
sie als Gottesurteil aus. Die Struktur der Argumentation kennt nur "die
Guten" und "die Bösen" (S. 165, V.
6).
Sein Publikum hat nun die Wahl, entweder kämpft es für die gute Seite, also
für Gott oder es ist gegen Gott. Sämtliche Motive der Argumentation, die sich
auf Napoleon und die Franzosen beziehen, erscheinen als gottlos und
unmenschlich, sie wirken auf den Rezipienten abstoßend. Das deutsche Volk und
hier speziell die Preußen, erscheinen als gottesfürchtige und ehrenhafte
Menschen, die von Gott unterstützt werden. Es liegt auf der Hand, an wen sich
der Aufruf speziell wendet. An ein religiöses Publikum der unteren Stände
Preußens, dies jedoch nicht ausschließlich.
Es liegt Arndts Intention fern
Angst zu verbreiten. Vielmehr versucht er vorhandene Ängste, vor dem Mythos
Napoleons abzubauen. Am Beispiel Rußlands zeigt Arndt, daß es möglich ist
Napoleon zu besiegen. Aus einem Unterlegenheitsgefühl seiner Landsleute heraus,
versucht er den Haß gegen die Besatzer heraufzubeschwören. Napoleon wird als
Feindbild so stilisiert, als daß er eine Bedrohung der Freiheit, der Ehre und
des Glückes aller Völker wäre. Dies macht ihn und seine Landleute, Arndt
nach, verabscheuenswürdig. Am Beispiel der Russen führt er an, was dieser
Bedrohung entgegen gesetzt werden muß. "[...]Löwenmut, [...]Tapferkeit,
[...]List, [...]Standhaftigkeit und Großherzigkeit, [...]Grimm" (S.
166f, V. 25ff.). Der Clou dieser Argumentation liegt in der
Bescheidenheit der Lösung. Um sich von Napoleon zu befreien, bedarf es keiner großen Armee,
keiner militärischen Raffinesse unter einem, Napoleon ebenbürtigen,
Feldherren. Nein! Jeder einzelne kann Kraft seiner Person den entsprechenden
Beitrag liefern. Vom hohen Beamten, über den Kaufmann bis hin zum Bauern. Arndt
appelliert an die Moral, den Mut und die Bereitschaft zum gemeinsamen Kampf.
Theodor Körner,
An das Volk der Sachsen
Dresden, 05. April
1813
Auf den ersten Blick ähneln sich die Flugschriften von Ernst
Moritz Arndt und Theodor Körner. Beide Autoren geben sich in der Aufmachung
ihrer Schriften bewußt zurückhaltend. Erst auf der inhaltlichen Ebene
eröffnen sie ihr publizistisches Potential dem Leser. Und erst hier lassen sich
Arndt und Körner miteinander vergleichen.
Mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten
Beide Autoren veröffentlichen unmittelbar zu Beginn der
Erhebung gegen Napoleon Flugschriften, in denen sie das Volk zum Kampf gegen die
französische Besatzungsarmee aufrufen. Ihre Schriften richten sich gegen
Napoleon, der als blutiger Tyrann, als zerstörendes Ungeheuer mit diabolischen Zügen, auftritt.
"[...] wie der giftige Bauch der
Boaschlange verwüstend und verpestend über ein fruchtbares Gefilde zieht". (Arndt, S. 165, V. 16f.).
"[...]Tod in das Herz
Eures Landes, den Keim der Seuche [...]
Qual und die Verzweiflung, die einzige Löhnung des
blutigen Tyrannen [...]". *(Körner, S. 1, V. 39ff.).
Beide Autoren bauen eine
geradlinige Argumentation auf. Napoleon und seine Truppen werden als ungerechte
Qual der deutschen Gebiete empfunden, die es abzuschütteln gilt. Gegen diese
Bedrohung wird die Vereinigung zum gemeinsamen Kampf aufgeboten. Die Niederlage
in Rußland dient
als Vorzeichen für den sinkenden Stern Napoleons. Am Ende des Kampfes steht die
Freiheit des Vaterlandes in Aussicht. Doch bei diesen Parallelen soll es dann
auch bleiben. Bei genauerer Untersuchung eröffnen sich weit mehr Unterschiede,
als dies auf den ersten Blick zu erwarten wäre.
Körner- besserer Draht zum Publikum
Stilistisch entfernen sich Arndt und Körner weit
voneinander. Theodor Körner schreibt mit sensibler Feder, während Arndt mit
dem Meißel hämmert. Körner sucht die unmittelbare Nähe zum Publikum,
während Arndt von seiner Kanzel predigt. Der Sachse ist darum bemüht, die
Distanz zu seinen Lesern abzubauen. Immer wieder bezieht er sich mit ein, in dem
er von "uns [und] wir" (Körner,
S. 1, V. 1-11) spricht. Arndt bleibt viel distanzierter, es wirkt als predige er mit erhobenem
Zeigefinger sein Programm von einem Rednerpult herab. Er stellt sich nicht auf
eine Ebene mit seinem Publikum. Als distanzierter Demagoge wirkt er aus dem
Hintergrund. Er ist einer der Anweisungen gibt und Aufgaben verteilt. Ganz
anders Körner. Immer wieder stellt er rhetorische Fragen in den Raum und läßt
sich so mit seinem Publikum auf einen Dialog ein. "Soll
der fremde Gerichtshof sich auf Eure Ratshäuser drängen, und die angebohrne
Sprache nicht mehr gelten, die Ihr seit Jahrtausenden bewahrt habt? [...]haben
sie nicht aus freyem Übermuth erst jüngst den Stolz Eurer Hauptstadt
zertrümmert?" (Körner, S. 1, V. 20ff.). Während Arndt auf hämmernde Wiederholung
stumpfer Imperative setzt. "Preußen! [...] Preußen!
[...] Preußen! [...] Preußen!" (Arndt, S. 167, V. 42; S.
168, V. 13 u. 35; S. 169, V. 43). Oder an anderer Stelle: "Also
Volkskrieg muß seyn, [...]. Also Volkskrieg muß sein, [...]."
(Arndt, S. 177, V. 16 u. 26). Auch bei der Themenwahl setzt sich dieses
Muster fort. Körner ist besorgt um die Ratshäuser, die Speicher, die Keller
und um die Familien seiner Leser. "[...]Eure Rathshäuser,
[...] Eure Speicher, Eure Keller [...], Eure Weiber, Eure Bräute ,
Eure Töchter [...]". (Körner, S1, V. 20ff.). Arndt hingegen richtet
sich mit Themen der europäischen Politik, die er in den Mantel der Religion
hüllt, an seine Leser. Er sieht alle europäischen Länder, Monarchien und
Völker durch Napoleon gefährdet. (Arndt, S. 165, V.
8-13). Es wird deutlich,
daß Theodor Körner die
besseren Draht zum gemeinen Mann hat.
Arndt kein Freiheitskämpfer
Der wesentliche Unterschied zwischen Arndt und Körner
besteht im Feindbild Napoleon und dessen Funktion für die Argumentation. Bei
Arndt ist das Feindbild der Kern der Argumentation. Es soll Emotionen schüren,
mobilisieren und die Kräfte der Bevölkerung vereinen. Es trägt eine
konstituierende Funktion bei der Entwicklung eines Volksbegriffes. Aus dem
Feindbild, das er über Napoleon hinaus auf des gesamte französische Volk
ausdehnt, beschwört Arndt einen Völkerhaß herauf. Dieser Haß ist es, der
alle Kräfte für die Erhebung mobilisieren soll. Deshalb ruft Arndt nicht zum
Befreiungskampf auf, sondern propagiert einen Volkskrieg, den er als heilige
Sache Gottes ausgibt. Im Bereich der Publizistik zur Erhebung gegen Napoleon ist
Ernst Moritz Arndt deshalb eine problematische Figur. Theodor
Körner setzt in seinem Aufruf auf andere Emotionen. "Brüder!"
heißt es da, "Oeffnet uns Eure Herzen [...]". (Körner, S. 1, V.
1-4). Das vereinende Moment bei Körner ist Liebe, statt grenzenloser
Haß auf ein
anderes Volk. Auf genealogischer Ebene sucht er den Vereinigungspunkt aller
Gleichgesinnten, die es für den Befreiungskampf zu mobilisieren gilt. Er gibt
sich als Bruder seiner Leser aus, der untrennbar an sie gebunden ist. "Brüder!
Durch dreyfache Bande des Blutes, der Sprache, der Unterdrückung an Euch
gekettet, [...]". (Körner, S. 1, V. 2-4). Verbindung
nicht durch Völkerhaß, sondern durch Verbrüderung. Sicher
schwingen auch hier Rachegefühle mit, aber es bleibt bei der Befreiung der
deutschen Gebiete. Denn wenn diese wieder frei sind, "[...] dann
hängen wir das Schwerdt in den Eichenwäldern des befreiten Vaterlandes auf und
ziehen heim in Frieden". (Körner, S.2,
V. 31ff.).

* sämtliche Arndt-Zitate aus: Leffson, August
/ Steffens, Wilhelm (Hrsg.): Arndts Werke. Auswahl in zwölf Teilen,
Berlin 1912.
* sämtliche Körner-Zitate aus: [anonym] An das Volk der Sachsen.
[Dresden, 05. April 1813], 1 Bl.
Quellen
[anonym] An die
Preußen. [Königsberg, Januar 1813], 2 Bl.
[anonym] Was
bedeutet Landsturm und Landwehr? [Königsberg, Februar 1813], 8 Bl.
[anonym] An
das Volk der Sachsen. [Dresden, 05. April 1813], 1 Bl.
Leffson, August /
Steffens, Wilhelm (Hrsg.): Arndts Werke. Auswahl in zwölf Teilen, Berlin 1912.
Spies, Hans-Bernd
(Hrsg.): Die Erhebung gegen Napoleon 1806-1814/15, Darmstadt 1981.
Scheffler,
Sabine: So zerstieben getraeumte Weltreiche. Napoleon in der deutschen
Karikatur, Stuttgart 1995.
Monographien
Schäfer, Karl-Heinz: E. M. Arndt als
politischer Publizist. Studien zu Publizistik, Pressepolitik und kollektivem
Bewußtsein im frühen 19. Jahrhundert, Bonn 1974.
Hans-Joachim Köhler: Köhler: Die
Flugschriften. Versuch der Präzisierung eines geläufigen Begriffs, in: Horst
Rabe, Hansgeorg Molitor, Hans-Christoph Rublack (Hrsg.): Festgabe für Ernst
Walter Zeeden zum 60.Geburtstag, Münster 1976, S. 36-61.
Köhler, Hans-Joachim: Fragestellungen und
Methoden zur Interpretation frühneuzeitlicher Flugschriften, in: Ders. (Hrsg.):
Flugschriften als Massenmedium der Reformationszeit, Stuttgart 1981, S. 1-27.
Hoffmann, Lutz: Das deutsche Volk und seine
Feinde, Köln 1994.
Internet
http://www.ernst-moritz-arndt.de/index.htm
(Stand: 04.03.2005).
Hilfsmittel
Brunner, Otto (Hrsg.): Geschichtliche
Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in
Deutschland, Stuttgart 1978.
Ploetz,
Carl (Hrsg.): Der große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte;
Daten, Fakten, Zusammenhänge, Köln